Und dann kam Corona: Philipp, gestrandet im Paradies

Wenn das kein Abenteuerurlaub ist: Ein Rondorfer überlebte bei seiner Reise um die halbe Welt die australischen Buschbrände, ein Erdbeben, einen Vulkanausbruch, die Stürme eines Zyklons. Und dann kam Corona. Plötzlich gab es für ihn kein Weiterkommen mehr. So strandete Philipp Wurzel auf einer Insel im Südpazifik. Drei Monate hielt sie ihn fest. Dem SÜDBLICK hat der 39jährige die Odyssee seines Lebens geschildert.

„Den 14. März werde ich wohl nie mehr vergessen“, erzählt Philipp. Es war der Tag, an dem auf seiner Weltreise eine Welt über ihm zusammenstürzte. Am 17. September 2019 hatte er sich in Köln aufgemacht zu seiner sorgfältig geplanten Traumtour: Thailand, Malaysia, Sri Lanka, Singapur, Laos, Australien, ..… Doch dann, auf den Fidschi-Inseln, nur ein paar Stunden vor dem Flug nach Vanuatu erfuhr er, dass die Corona-Pandemie von China aus immer weiter um sich griff. Der hochgewachsene Globetrotter wollte gerade zu den Philippinen aufbrechen, um dort seinen besten Kumpel zu treffen. Doch exakt dieses Land in Südostasien war das erste, das seine Grenzen komplett dicht machte. Rasch noch in die USA ausweichen? Doch Philipp dachte sich: „Das wird nix, Trump lässt keine Europäer rein!“

Auch per Internet gab es nur sehr spärliche Infos zur weiteren Entwicklung. „Und dann erreichte mich morgens um vier Uhr eine zehnminütige Sprachnachricht meines besten Kumpels. Immer neue Hiobsbotschaften flatterten herein. Alle Länder schlossen nach und nach ihre Grenzen“, erinnert sich der 39jährige im SÜDBLICK-Gespräch an jene Nacht, die alle seine Pläne über den Haufen warf.  An Schlaf war nicht mehr zu denken. Der Weiterflug in Gefahr. „In Vanuatu, unserem nächsten Zielort im Südpazifik, war kaum noch ein Reinkommen. Von den 100 Passagieren durften alle durch bis auf zwei Chinesen und wir zwei Deutsche. Wir wurden 60 Minuten penibel ausgefragt, wo wir so alles waren. Wir wussten, dass das Virus auch bereits in Deutschland heftig wütete. Und weil eine Begleiterin vorher in China war, kam es zu weiteren Problemen. Erst nach einigem Hin und Her durften wir dann doch einreisen.“

Doch die Insel der Träume begrüßte die Weltenbummler mit strömendem Regen und heftigen Stürmen, den Ausläufern eines Zyklons. Kurz danach fegte ein weiterer Zyklon der Stärke 5 hindurch. „Er war der schlimmste, den das Land je erfahren hat. Bäume stürzten auf die Unterkunft, in der wir Zuflucht gefunden hatten. Es war nichts mehr mit der ersehnten Erholung. In großem Tempo änderten sich zudem die Einreiseregularien in andere Länder“, musste Philipp erkennen. Der Zyklon blieb nicht die einzige Naturkatastrophe. Kurz zuvor bebte nachts um 4 Uhr auch die Erde. „Da es mein erstes Erdbeben war und wir gut zehn Sekunden richtig durchgeschüttelt wurden, sind wir aufgeregt nachts ans Meer gerannt: Droht ein Tsunami? Immerhin lag das Epizentrum genau vor unserer Bucht.“ Aber Einheimische beschwichtigten ihn, dies komme hier öfter vor.

Der Rondorfer wollte jetzt nur noch eines: Vanuatu, in Prospekten als einer der schönsten Orte der Welt beschrieben, so schnell wie möglich wieder verlassen. „Dies ist ein denkbar schlechter Ort, um dort eine weltweite Pandemie zu verbringen“, befand Philipp. „Wir brauchen einen Flug, der uns eilig direkt nach Bangkok durchroutet!“  Für 1080 € buchte er einen sehr teuren Singapore Airlines Flug, der ihn über Sydney und Singapur in 24 Stunden dorthin bringen sollte. Aber wieder änderte sich alles. Für Bangkok wurde ein Gesundheitszertifikat erforderlich. Was dann geschah, schildert der Betriebswirt so: „Wir rasten panisch zu einem Krankenhaus, das diesen Namen jedoch kaum verdient hat. Weil sie uns das ersehnte Papier nicht ausstellen konnten, schickte man meine Begleiterin und mich zu einem Privatarzt.  Fünf Minuten vor Praxisschluss erhielten wir dort für 40 Euro ein kaum leserliches Dokument. Dann hieß es plötzlich, wir bräuchten noch ein Zertifikat, dass unsere Auslandskrankenversicherung eine Corona-Erkrankung abdecken würde. Wir alarmierten mitten in der Nacht unsere Krankenkasse in Deutschland, aber so kurzfristig konnte uns da nichts zugeschickt werden. Acht Stunden vor dem Flug erhielten wir dann auch noch die Hiobsbotschaft, dass Australien nun für Transitpassagiere geschlossen wäre“. 

Am nächsten Tag warteten die Reisenden am Flughafen fünf Stunden vergeblich, redeten voller Verzweiflung auf die dortigen Mitarbeiter ein. „Aber mit uns warteten auch knapp 100 andere, vor allem Japaner, um über Australien nach Hause reisen zu dürfen. Diese erhielten eine Ausnahmegenehmigung, aber nicht die Europäer. Da wurde uns endgültig klar, dass wir für längere Zeit unser Paradies in der Südsee nicht mehr verlassen konnten.“ So wurden aus den geplanten 14 Tagen auf Vanuatu unendlich lange drei Monate. „Sie fühlten sich an wie ein halbes Jahr. Denn niemand half uns!“, berichtet Philipp. Alle weiteren Flüge, die schon gebucht waren – Route Vanuatu – Sydney – Manila -> Ho Chi Minh City – Vientiane – Rangun – Bangkok – Frankfurt – ….. alles wurde nach und nach gecancelt. Heimat ade! Und von den Flugkosten über 1500 Euro hat der Betriebswirt keinen Cent wiedergesehen. „Das sind in meinen Augen alles Verbrecher“, schimpft er noch heute.

Doch immerhin, es gab auch Lichtblicke: Weil die meisten Touristen noch rechtzeitig die Insel verlassen hatten, alle Resorts geschlossen waren, konnten sich die Gestrandeten in einem Privatbungalow günstig einquartieren. Und genossen direkt am Meer mit Privatpool und einer Bucht Riff Haie, Riesenschildkröten und Dugongs, seltene Seekühe.  „Eigentlich waren wir im absoluten Paradies gelandet. Die Einheimischen hatten immer ein freundliches Lächeln für uns auf den Lippen, obwohl es ihrem Land wirtschaftlich sehr schlecht ging“, erzählt der 39jährige weiter. Stets gab es aufs Neue Überraschungen. So brach auf einer Nachbarinsel der Vulkan „Yasur“ aus, der zweitaktivste der Welt; er regnete seine Asche ins weite Umland, sodass die Ernte weitgehend zerstört wurde. Einheimische glauben, dass dieser Vulkan der Ort ist, wo die Seelen der Menschen nach dem Tod verbleiben. 

Philipp aber überlebte auch dieses Abenteuer. Und kam eines Tages zufällig an einem Pub vorbei; dort zeigte ein Sportsender tatsächlich gerade Jonas Hector in einem „Best of“ mit seinen schönsten Toren für den 1. FC Köln. „Da wusste ich, es wird alles gut werden, wenn selbst auf Vanuatu der 1.FC Köln im TV läuft.“ Und tatsächlich: Anfang Juni kam unverhofft die Rettung. Die französische Botschaft ermöglichte, über Neu-Kaledonien und Tokio zurück nach Europa zu fliegen. „Doch wieder begann ein Nervenspiel. Denn viermal musste der Abflug verschoben werden! 64 Stunden dauerte dann die Rückkehr aus dem Exil in der Südsee in mein geliebtes Köln“, schildert Philipp das glückliche Ende seiner turbulenten Weltreise. 

Und wie war es in der gesamten aufregenden Zeit mit dem Heimweh?  Der Rondorfer schüttelt seine beachtliche blonde Mähne. „Nur an Karneval wäre ich am liebsten zuhause gewesen. Doch am Rosenmontag setzte ich mir in Neuseeland ganz einfach meine rote Pappnase auf, die ich in Köln vorsorglich eingepackt hatte! „Heute kann Philipp wieder lachen, wenn er die vielen Videos und Bilder zeigt. Doch manches bleibt aus der neunmonatigen Abenteuertour noch immer in seinem Kopf. Wie er in Bangkok rasende Schulterschmerzen bekam und ihm selbst im Krankenhaus niemand richtig helfen konnte. Wie er Heiligabend ganz allein in Vientiane, der Hauptstadt von Laos, verbrachte. Silvester allein in Melbourne. Wie er in Australien hilflos den Buschbränden gegenüberstand und vor Qualm kaum noch etwas sehen konnte. Wie er auf den Yasawa Inseln, einem dünn besiedelten Archipel im südlichen Pazifischen Ozean ohne Straßen, Autos, Geschäfte unter den Ureinwohnern lebte. Wie dann die weltweite Corona-Pandemie alles durcheinander wirbelte.

Und was hat er ganz persönlich aus dieser längsten Reise seines Lebens gelernt? Die Antwort kommt nach einer kurzen Pause des Nachdenkens: „Wie zerbrechlich doch unsere Erde ist!“ Und dann zeigt uns Philipp noch einige seiner Souvenirs:  Eine handgefertigte Tasche aus Hibiskus und seinen Divingschein für fortgeschrittene Taucher, den er in Koh Tao in Thailand gemacht hat. Und so ist der Weltenbummler dann doch wieder in Rondorf aufgetaucht. Aber seine Eltern haben noch heute Herzklopfen.

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