Nachgefragt: Geht den Apotheken die Medizin aus?

Patienten müssen leider leiden: Warum geht den Apotheken die Medizin aus?

Ist Ihnen das auch in letzter Zeit passiert? Sie brauchen ein Mittel aus der Apotheke, aber das Medikament ist nicht verfügbar: „Lieferengpass“ heißt die Auskunft. Wo hakt es? Der SÜDBLICK hat bei Dominik Straub in der Dreikönigen-Apotheke nachgefragt.

SÜDBLICK: Wie viele Kunden müssen Sie momentan pro Woche vertrösten?

Dominik Straub: In den meisten Fällen besteht die Möglichkeit der Substitution eines Präparates durch eine Alternative. Hierdurch kann allerdings die Therapietreue leiden. Es gibt Umfragen unter Apotheken, die von 20 bis 80 Kunden pro Woche ausgehen, denen keine Alternative angeboten werden kann oder die nicht auf eine Alternative umsteigen möchten bzw. können.

SÜDBLICK: Welche Medikamente sind von den Lieferproblemen vor allem betroffen?

Dominik Straub: Die offiziellen Meldungen über Lieferengpässe betreffen etwas über 200 Arzneimittel, wobei ein Lieferengpass erst ab einer über zwei Wochen hinausgehenden Lieferunterbrechung gewertet wird. Schauen wir uns den Zeitraum unterhalb zwei Wochen an, so kann die Zahl wahrscheinlich verdoppelt werden. Dabei handelt es sich um Medikamente aus verschiedenen Indikationsbereichen, wie Blutdrucksenker, Antibiotika, Hormone und Impfungen. 

SÜDBLICK: Was sind die Ursachen dieser Engpässe?

Dominik Straub: Es gibt verschieden Gründe für Lieferenpässe. Angefangen von Umstellungen in der Herstellungslogistik, die zeitlich aus dem Rahmen gelaufen sind über eine „überraschende“ Nachfrage nach bestimmten Impfungen, mit der mehrere Pharmazieunternehmen nicht gerechnet haben. Die wohl bedeutendste Begründung liegt allerdings in der Tatsache, dass immer weniger Hersteller die Produktion eines Arzneimittels durchführen. Dabei ist die Synthese des Wirkstoffes gemeint und nicht die Pressung und Verpackung des Endproduktes. Etliche Monate gab und gibt es zum Teil noch große Probleme bei einem der meistverkauften Schmerzmittel Ibuprofen und verschiedenen blutdruckregulierenden Arzneimitteln, da es weltweit nur noch ein paar Produktionsstätten – teilweise in Asien – gibt, was bei einem Ausfall kein Ausweichen auf andere Produktionsstätten ermöglicht. Bis in solchen Fällen eine Produktion wieder aufgenommen und freigegeben werden kann, kann es durchaus mehrere Wochen bis Monate dauern.

SÜDBLICK: Wie kann das Problem gelöst werden?

Dominik Straub: Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten. Aus Teilen der Pharmaindustrie wird ein geringerer Kostendruck durch Rabattverträge gewünscht, da dies zu einer vermehrten Verlagerung und Konzentration von Produktionsstätten in Billiglohnländer geführt hat. Beispielsweise gibt es in Deutschland keine nennenswerte Produktionsstätte für gängige Antibiotika mehr. Aus den Reihen der Krankenkassen wird dies bestritten und eher auf die Gewinninteressen der Pharmaindustrie verwiesen. 

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit dazwischen. Die Gestaltung von Rabattverträgen könnte auf jeden Fall Lieferengpässe von einigen Wochen begrenzen. Dazu gibt es bereits ein paar politische Forderungen, dass das betreffende Arzneimittel von mindestens drei Anbietern und zwei Wirkstoffherstellern angeboten werden soll. Des weiteren könnten Sicherstellungsaufträge vergeben werden, was im Fall von Antibiotika aus Ärztekreisen gefordert wird. 

Politische Ideen wie nationale Reserven werden die Ursachen nicht verändern, sondern lediglich vertagen und unter Umständen sogar verstärken. Letztendlich bedarf es einer nationalen oder sogar europaweiten gesellschaftlichen Entscheidung, die nicht eine ökonomische Priorisierung bei der Arzneimittelversorgung in den Vordergrund stellt, sondern eine Unabhängigkeit von Drittstaaten und pharmazeutischen Monopolisten.

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