Meine Straße: Lindenweg

Vorgestellt von Caspar

Immer, wenn der Fastelovend seinem Höhepunkt zustrebte, waren die Anwohner des Lindenweg in Hochkirchen in besonders ausgelassener Stimmung, denn einer der ihren gehörte viele Jahre zur Kölschen Karnevalsprominenz – und das zeigte er auch farbenfroh und stimmungsvoll mit großem Aufmarsch allen Nachbarn. Caspar denkt noch heute gern an diese närrischen Zeiten in seiner Straße zurück – immer, wenn das Trömmelche geht….

Der Lindenweg ist mit gut 200 Metern Länge eine recht kurze Straße und verbindet eher unauffällig in Süd- Nordrichtung den Weißdorn- mit dem Großrotterweg. Noch bis zur Jahrtausendwende lebte hier relativ ungestört an einem Ende eine ehemalige Schaustellerfamilie in ihren Großwohnwagen. Doch dann wurde das freie Feld um diese Wagenburg herum Bauland, ist mittlerweile mit Einfamilienhäusern in Reihenhaus- und Doppelhausweise dicht bebaut und zu einem attraktiven Wohnviertel geworden. 

Alle, die sich hier niederließen, waren – wie wir selbst auch – schon vorher in Köln ansässig, teils sogar ‚Urkölsche‘ und wir feierten viel und gern zusammen. Doch einer war ganz besonders, unser „Prinz Karneval“. Im Jahr nach unserem Einzug kamen wir aus dem Staunen kaum heraus, als wir auf der Bühne des Saals Füssenich (das Haus mit der ehemaligen Traditionsgaststätte in Rondorf ist mittlerweile abgerissen worden) lauter Mitglieder des Traditionscorps der Roten Funken von 1823 e.V. erkannten. Unser Nachbar Gisbert Brovot, im Zivilberuf Architekt (er hatte übrigens die schon erwähnten freistehenden Einfamilienhäuser entworfen und geplant), war als Prinz Karneval des Jahres 1969 mit Leib und Seele General der Roten Funken. 

Dieser Tatsache verdankten wir Anwohner des Lindenwegs, dass jährlich während der 5. Jahreszeit sein Stammknubbel der Roten Funken begleitet vom Marieche mit singem staatse Jung lautstark und fröhlich im Lindenweg aufmarschierte und zu Ehren ihres Generals Truffel (kölsch für Maurerkelle) tanzte. Die Funken zählten zuvor selbstverständlich zu zweit ab, präsentierten stolz die Knabüs (Knallbüchse) und zeigten Stippeföttche. Von Jahr zu Jahr freuten wir uns mehr auf dieses ziemlich exklusive karnevalistische Spektakel. Leider verstarb unser Nachbar anno 2016, seitdem können wir im Lindenweg dieses wunderbare Schauspiel nicht mehr genießen. Er war außerdem lange Jahre der umtriebige Präsident des Kölner Festkomitees; alle Dreigestirne fuhren über die Jahre in ihren Karossen vor, um dem Präsidenten seine Aufwartung zu machen. Ich werde diese fantastischen Bilder wohl nie mehr vergessen und sende deshalb in diesen Wochen dankbar ein „Kölle Alaaf“ an unseren unvergessenen Prinzen aus dem Lindenweg von Hochkirchen.

Viele Traditionen sind bis heute lebendig geblieben: Muzen und Muzemändelche werden verzehrt, ebenso Frikadellen und Metthappen und Röggelcher met Kies. Am Rosenmontag gehen wir gern die paar Schritte vom Lindenweg auf die Rodenkirchenerstraße zum Veedelszoch, um die Atmosphäre des Straßenkarnevals und die Freude der Kinder zu erleben. Am Aschermittwoch ist Fisch obligatorisch.

Ja, auch der Fastelovend hat mit dazu beigetragen, dass wir im Lindenweg Ansässigen längst zu einer Gemeinschaft verschmolzen sind. Unvergessen bleibt mir, wie ein Nachbar im Jahr 1993 seinen fünfzigsten Geburtstag in der Form eines Straßenfests feierte. Der Lindenweg wurde gesperrt. Ein Toilettenwagen wurde aufgestellt, ein Tieflader wurde zur Bühne für zwei Live-Bands gestaltet. Die Straße wurde mit Bundeswehrzelten wetterfest gemacht. Und ein Bierpavillon sorgte dafür, dass keine Kehle trocken bleiben musste. Und wie es bei kölschen Straßenfesten üblich ist, waren sämtliche Nachbarn mitsamt der zahlreichen Kinderschar herzlich willkommen. Ja, feiern, das verstehen die Leute vom Lindenweg!

Auch bezüglich des Lebensalters und der Familienbiografie bestehen erstaunliche Ähnlichkeiten; wir verstanden uns schnell als eine Art Bauherrengemeinschaft. Und die bereits ansässige Nachbarschaft nahm uns Hinzukommende wunderbar auf. Der Tatsache zum Trotz, dass schon zu Beginn der Bauarbeiten der Kran umkippte und dabei das Haus des dort ansässigen Polizei-Pensionärs und seiner Frau beschädigte. Doch er nahm es erstaunlich gelassen. Ja, diesem liebenswürdigen Mann machte es über Jahre hinweg Freude, uns gelegentlich mit selbst gezogenem Salat, Gemüse und im Herbst mit Walnüssen seiner beiden großen Bäume zu versorgen. Ein weiterer Polizei-Pensionär von der anderen Straßenseite lud uns über Jahre in seinen Garten ein, wo wir nach Herzenslust Renekloden und Zwetschen pflücken konnten. Und wie staunten wir, als über Jahre hinweg in der Vorweihnachtszeit eine Seniorin vom anderen Nordende der Straße unseren Kindern mit Süßigkeiten eine Freude machte. Auch das ist „mein Lindenweg“.

Aber wie sind wir hier hingeraten? Nun, es war noch zu keiner Zeit einfach, bezahlbaren, familiengerechten und hinreichend geräumigen Wohnraum in günstiger Lage zu bekommen. Eines Tages im Jahr 1987 bemerkte ich als noch recht junger Mann während meiner täglichen Autofahrt von Lindenthal über Klettenberg, Hochkirchen, Immendorf und Godorf zur Arbeitsstelle in Wesseling ein Hinweis- und Werbeschild. Auf der linken Straßenseite kurz hinter der Autobahnbrücke stand es. In der beschaulichen und ganz ruhigen Straße Lindenweg sollten elf Reihenhäuser errichtet werden. Das Straßenbild dominierte eine majestätische Linde mit mächtiger Krone. Schnell brachte ich Näheres in Erfahrung und flugs reifte bei meiner Frau und mir der Entschluss, von der Bauträgerfirma ein schlüsselfertiges Reihenhaus zu erwerben. Seit dem Jahr davor, unser zweiter Sohn war geboren worden, hatten wir schon viele, kaum mehr zu zählende Miet- und Kaufobjekte besichtigt. Eine ganze Reihe davon in Rondorf und Hochkirchen. Stets kamen wir zum Ergebnis ‚zu teuer‘, ‚Umbau erforderlich‘, ‚zu klein‘ oder ‚gefällt uns nicht‘. Aber dieses projektierte einzig noch erhältliche Reihenmittelhaus am Lindenweg elektrisierte uns. Davor wäre Raum für den Stellplatz unserer Familienkutsche und nach hinten erschienen uns die verbleibenden 18,5 Meter ausreichend für Terrasse, Garten und sogar ein Häuschen für die Fahrräder. Dazu der schöne Blick ins Grüne.

Doch manchmal frage ich mich: Wie geht es hier weiter? Zweifellos ist ein ständiger Wandel spürbar. So wurde vor Jahren ein ursprünglich bestehendes Einfamilienhaus abgebrochen, um an gleicher Stelle zwei Doppelhaushälften zu errichten. Insgesamt ist unser Wohnbezirk erheblich angewachsen und dieser Tatsache ist zu verdanken, dass die KVB vor Jahren die Haltestelle Lindenweg schufen. Sehr praktisch, denn seitdem sind nur wenige Schritte nötig, um per Bus mit der Linie 132 über den Clodwigplatz ins Vringsveedel oder aber in die Altstadt bzw. ohne Umsteigen bis zu Dom und Hauptbahnhof zu kommen. Also von wegen Randlage! Und wer weiß, vielleicht werden wir ja wirklich eines Tages per Stadtbahn eine Gleisanbindung an das KVB-Netz bekommen! 

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