Eine von uns: Eva-Marie Blumschein

Sie ist Harfenistin aus Leidenschaft. Eva-Marie Blumschein beherrscht meisterhaft ein ganz besonderes Instrument, das bereits seit mehr als 5000 Jahren gespielt wird. Selbst am eleganten französischen Hof war es üblich, so die Saiten zu zupfen. Warum die Harfe auch in Zukunft konkurrenzlos ist, hat die Rondorfer Künstlerin, die von Anfang an zum Team der Musikschule Papageno gehört, dem SÜDBLICK in einem ganz privaten Einführungskurs erzählt.

Sie ist eine Frühberufene. Bereits als Schülerin am Gymnasium Rodenkirchen war sie Jungstudentin an der Kölner Musikhochschule, an der sie nach dem Abitur auch studierte. „Ich habe bereits als sechsjährige an einem Tag der offenen Tür einer Musikschule die Harfe kennenlernen dürfen. Der besondere Klang und die wunderschöne Erscheinung haben mich sofort begeistert und fasziniert.“ So erinnert sich Eva-Marie Blumschein an ihre erste Begegnung mit einem der ältesten Musikinstrumente der Welt, das bereits im frühen Ägypten gespielt wurde und schon in der Bibel hohen Stellenwert unter König David besaß. 

Die vielleicht etwas kapriziöse Rarität hat seither nichts von ihrer Faszination verloren. Jedenfalls nicht für die passionierte Harfenistin aus Rondorf. „Die Harfe wird die Menschen mit ihrem Klang immer berühren und ihre Wirkung nie verfehlen. Ich bin davon überzeugt, dass Schwingungen und Resonanz die Gesellschaft ganz grundsätzlich positiv stärken“, erzählt sie voller Überzeugung. Und was macht dieses Instrument so einmalig? „Der Klang ihrer Saiten ist sehr direkt und ohne Umwege spürbar und hörbar. Die Vibrationen gehen von der Saite über den Klangkörper auf den Zuhörer über und berühren ihn direkt“, erläutert die Meisterzupferin dem SÜDBLICK den magischen Effekt ihres Instruments.

Die Harfe hat in ihren Augen alle Möglichkeiten, die ein Musiker braucht: Man kann mit ihr im Orchester spielen, kleinere kammermusikalische Ensembles bereichern, oder einen Solisten bei Geige, Cello, Flöte, Gesang, Chor, Oboe … begleiten. Und natürlich kann die Harfe auch als Soloinstrument erklingen. „Auch Jazz ist auf der Harfe möglich. Prinzipiell kann eine Harfe alles das, was ein Klavier auch kann… nur kann man auf der Harfe selten etwas ‚vom Blatt‘ spielen, weil die Harfe keine ‚schwarzen Tasten‘ hat — dafür haben wir auf der Konzertharfe die Pedale, mit denen ich die Stimmung der Saiten um einen Halbton verringern oder erhöhen kann. Ich brauche also nicht nur meine Hände, um Harfe zu spielen, sondern gleichzeitig auch die Füße, sonst geht es nicht. Die Konzertharfe hat nicht nur 47 Saiten, sondern auch 7 Pedale mit jeweils 3 Einstellungsmöglichkeiten! Das wissen nur die wenigsten, und die Leute sind immer ganz überrascht, wenn ich ihnen das erkläre“, erläutert sie lachend.

Eva-Marie Blumschein selbst hat zunächst auf einer kleineren irischen Hakenharfe mit Klappen zum Verstellen von Halbtonschritten begonnen und ist dann über eine Einfachpedalharfe zur Konzertharfe gekommen. „Dies ist für mich das Instrument, auf dem ich mich am wohlsten fühle, und das die größte Flexibilität bietet“, sagt die Tonkünstlerin mit Begeisterung und Überzeugung.

Heute ist sie eine viel gefragte Musikerin und hat schon so manches ungewöhnliche Event erlebt. Sie denkt da zum Beispiel an die Gamescom: Da gab es einen Auftritt mit der Computermusik zu einem sehr berühmten Spiel, „bei dem die Fans völlig ausgeflippt sind — auch sehr ungewöhnlich für uns Klassiker“, lacht die 44-jährige. Auch in der Köln Arena hat sie schon gespielt — mit Übertragung auf die Leinwand beim Harfeneinsatz. „Das ist nun eher ungewöhnlich“, erinnert sie sich schmunzelnd. 

Dennoch schätzt Eva-Marie Blumschein nicht zuletzt die kleinen eher privaten Konzerte, bei denen besondere Begegnungen, Erlebnisse oder gemeinsames Musizieren stattfinden. Und sie begleitet Menschen mit ihrer Kunst sogar in sehr persönlichen Lebenslagen etwa bei der Hochzeit oder der Taufe, aber auch zu Beerdigung und Todestagen am Grab. In ihrem Terminkalender stehen — normalerweise — neben Orchester- oder Soloauftritten auch Jubiläen, Überraschungskonzerte oder Abschiede im Krankenhaus. „Und wenn Corona vorbei ist, gibt es ein Klappstuhlkonzert bei mir zuhause,“ verspricht sie dem SÜDBLICK. 

Doch die eigenen Auftritte sind nur der eine Teil ihres Wirkens. An der Hochschule für Musik und Tanz Köln hat sie einen Lehrauftrag für Harfe, Orchesterstellen und Fachdidaktik des Harfenunterrichts, der sie mit viel Freude erfüllt. Mit dem Neuen Rheinischen Kammerorchester spielt sie regelmäßig große Konzerte und auch andere Orchester fragen bei ihr regelmäßig an. Außerdem unterrichtet sie privat und an der Rochus Musikschule Köln Bickendorf. Diese verfolgt ein ähnliches Konzept wie die Musikschule Papageno, in der sie seit 20 Jahren als Dozentin mit Begeisterung engagiert ist. Diese Musikschule der Evangelischen Kirchengemeinde Rondorf ist ihr besonders ans Herz gewachsen. Sie hat das Projekt seit 1999 mit aufgebaut. Dass die Schule heute über Köln hinaus so einen exzellenten Ruf genießt, liegt nicht zuletzt an ihr sowie den weiteren rund zwei Dutzend Dozenten.

Bei Papageno unterrichtet die viel Gefragte Harfe und außerdem Elementare Musiklehre im evangelischen Kindergarten Rondorf. Das Konzept überzeugt sie: „Papageno bietet uns die Möglichkeit in schönen Räumlichkeiten der Emmanuel Gemeinde und mit einem hochprofessionellen Kollegium zu unterrichten. Die Musikschule holt die Kinder bereits im Kindergartenalter ab und begleitet die Schüler bis zum Abitur“, beschreibt sie die Leistungen dieses Rondorfer Musikjuwels. Für ihre Arbeit hier stehen zwei hochwertige Harfen zur Verfügung: Eine kleinere Hakenharfe und eine große Doppelpedalharfe. „Das ist keineswegs selbstverständlich, da ein großes Konzertinstrument sehr teuer ist. Das ermöglicht eine umfangreiche Ausbildung und Flexibilität, auf die Wünsche der Schüler professionell einzugehen“, erläutert die Musikpädagogin. Die Exklusivität des Instruments bedingt allerdings, dass es sich immer eher um einige Wenige, aber dafür immer selbst berufene Schüler handelt. Es komme eher selten vor, dass Eltern den Kindern vorschlagen, doch bitte Harfe zu lernen. Meist ist das andersherum. 

Die Musikschule Papageno bietet immer wieder die Möglichkeit von Auftritten im geschützten Raum und dem gemeinsamen Musizieren der Schüler unterschiedlicher Klassen untereinander bzw. miteinander. „Dieser Austausch ist sehr wichtig und unterscheidet sich von reinem Privatunterricht. Papageno legt Wert auf das, was landläufig klassische Ausbildung genannt wird. Aber ich verstehe darunter, den Schülern Fliegen beizubringen. Mit den besten Voraussetzungen von Beginn an und einer soliden Ausbildung habe ich hinterher alle Freiheiten, die ich brauche. Musik soll Spaß machen und keinen Druck erzeugen — das stimmt, aber so ganz ohne Fleiß und Einsatz klappt es auch nicht. Die Überwindung von Herausforderungen kann gerade auch in der Gemeinschaft unheimlich motivieren und fördern. Bei Computerspielen bleiben die Jugendlichen freiwillig stundenlang bei einer einzigen Problematik, nur um ins nächste Level zu kommen… das ist von technischen Herausforderungen am Instrument gar nicht so weit entfernt“, gibt Eva-Marie Blumschein einen anschaulichen Einblick in ihre Aktivitäten als Musiklehrerin.

Wenn jemand überlegt, Harfe zu lernen, was rät sie ihm? Sie erzählt aus ihrem Alltag: „Meine jüngste Schülerin, die anfing Harfe zu lernen, war 4 1/2 Jahre alt, meine älteste Anfängerin 78. Wenn die Harfe einen gepackt hat, sind alles andere Nebensächlichkeiten. Wir finden immer einen Weg. Großes oder kleines Instrument, gekauft oder geliehen, Spielen nach Gehör oder nach Noten, Noten lernen ist auch eine sehr logische Sache, die keinem Alter unterliegt und im learning by doing and playing-Prinzip ganz wunderbar ist! Bei ehrlichem Interesse kann ich nur raten, loszulegen und den Anfangsimpuls mitzunehmen! Der Schwung der Begeisterung genügt“, ist die Harfenistin aus Leidenschaft schon wieder beim Thema Schwingung.

Doch wie viel Übung und Training sind erforderlich bis man dieses besondere Instrument beherrscht? Ihre ehrliche Antwort: „Musik und Sport sind sich diesbezüglich sehr ähnlich. Regelmäßiges Training, ausreichende Kondition und mentale Stärke sind grundsätzliche Voraussetzungen, um auf einem professionellen Niveau zu musizieren. Die persönliche Weiterentwicklung endet nie, und es gibt immer wieder neue Ziele zu erreichen. Getreu dem Motto „nach dem Spiel ist vor dem Spiel“.

Aber braucht man für dieses Instrument nicht ganz besondere, auch körperliche Voraussetzungen? „Grundsätzlich ist es für Jedermann möglich, Harfe zu spielen und zu lernen“, meint sie, schränkt aber ein: „Dennoch ist es ein sehr komplexes Instrument, bei dem die Koordination von Auge-Hand-Fuß beidseitig unabhängig erfolgt. Die Fingerfertigkeit braucht auch eine gewisse Kraftanstrengung. Für eine Hobbyharfenistin ist die sicherlich nicht so wichtig, aber um in der Orchesterwelt bestehen zu können, braucht es Kraft, Ausdauer und Selbstbewusstsein, da man als Solistin agiert.“ 

Doch dann komm noch etwas sehr Spezielles dazu: Die Harfe ist ein buchstäblich schweres Instrument. Die Konzertharfe als größte Vertreterin ihrer Art ist mit 175 bis 190 Zentimeter Höhe und meist 34 bis 42 Kilogramm Gewicht immerhin eines der größten und schwersten Orchesterinstrumente. Ist das im Alltag nicht etwas unpraktisch und unhandlich? „Das stimmt, und die neuen Instrumente werden immer noch größer gebaut, um den Klang noch tragender und in größerer Lautstärke in den Raum zu bringen. Irische Harfen sind wesentlich kleiner und handlicher, werden aber im klassischen Orchester nicht eingesetzt. Immerhin ist es möglich, die Konzertharfe zu transportieren, mitzunehmen und an den außergewöhnlichsten Orten wieder aufzustellen. Außer dem Instrument und einem Stuhl zum Sitzen brauchen wir kein Equipment…. obwohl wir immer mit Stimmschlüssel und Ersatzsaiten reisen (47 Stück!) um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein“, weiß die Papageno-Dozentin.

Aber hat eines der ältesten Instrumente der Welt auch eine Zukunft? Da ist sich Eva-Marie Blumschein ganz sicher: „Die Harfe ist ganz ohne Frage ein zeitloses Instrument, das keinen Modeerscheinungen unterliegt. Die zeitgenössischen Komponisten experimentieren gerne mit den Klangfarben und Möglichkeiten der Harfe als Instrument.“ Auch wenn das Klavier die Harfe als Liebling der Hausmusiker abgelöst haben mag, so gibt die Rondorferin doch zu bedenken: „Auch die Queen hat ihre Hofharfenistin und in Tirol wundert sich niemand über die Rolle der Harfe bei der Stub’nmusik.“ Noch irgendwelche Fragen? 

Ach ja, eine noch: Bleibt in diesem Leben voller Musik überhaupt noch Zeit für etwas anderes? Doch auch da kann uns Eva-Marie Blumschein mit Vielseitigkeit überzeugen: Sie lebt mit ihrer Familie in einem Mehrgenerationen-Haushalt: Ihr Mann, drei Kinder, eine Oma, zwei Hunde und vier Hühner gehören dazu. Der Garten ist zum Glück groß. Als wir uns verabschieden, versichert uns die Künstlerin noch: „Da kommt keine Langeweile auf. Ich lese viel, buddle gern im Garten, koche mit Freunden und kümmere mich um die Angelegenheiten, die in eine Großfamilie täglich anfallen.“ Musik macht offenbar auch gelassen.

Kaum wieder auf der Straße, ertönt wenig später durch das Fenster der sphärische Klang einer Harfe. Nur Übung macht die Meisterin! Eva-Marie Blumschein freut sich, wenn sie hoffentlich bald wieder öffentlich auftreten darf, und der Lockdown auch in der Kultur ein Ende findet: „Denn wir brauchen diesen gemeinsamen Raum miteinander, durch Resonanzen in Schwingung gebracht zu werden.“ 

Meine Straße: Horst Linker zeigt uns den Usedom Weg

Straßen sind etwas, was Heimat schafft, Nähe und Nachbarschaft. Manche Straßen sind sogar in Büchern, Filmen oder Schlagern zu ewigem Ruhm gelangt. Wie aber lebt es sich in den Straßen unseres Wohngebietes? In jeder SÜDBLICK-Ausgabe stellt eine Leserin oder ein Leser ganz persönlich „seine“ oder „ihre“ Straße vor – so, wie er oder sie diese Tag für Tag erleben. Ganz nach dem Motto: Wohnst Du hier nur oder lebst Du da auch? Auf der Homepage der Dorfgemeinschaft finden Sie alle bisher veröffentlichten Beiträge. Ihre Straße fehlt noch? Dann schreiben Sie uns Ihre Straßengeschichte! In der 20. Folge lädt uns heute Horst Linker in den Usedom Weg ein.

Er ist gar keine Straße, sondern lediglich ein Weg. Kein Irrweg, kein Umweg, eher immer ein Ausweg. Mit zwei Ein- und Ausgängen, keine Sackgasse. Sondern ein Weg, er hat einen charmanten Knick, der die freie Durchsicht etwas verbirgt, aber im Wesentlichen ist der Usedom Weg in einer gemütlichen Wohnanlage gerade und offen. Rechts fünf Bungalows und links fünf Bungalows. Wir wollen nicht hoch hinaus, wir sind bodenständig. Wir haben individuelle Vorgärten und wir sind auch so. Singles, Paare, Familien mit Kindern und manche auch mit Hunden und Katzen. Zurzeit sind dies zusammen neunzehn Personen: Acht Frauen, acht Männer, ein Kleinkind und zwei Jugendliche. Wir achten uns nicht nur, wir achten auch aufeinander: „Wie geht es?”, “Kann ich etwas für dich tun?”

“Ich habe die oder den lange nicht gesehen, muss man sich sorgen?” Nachbarn eben!!Ich habe in die Nr. 5 eingeheiratet. Meine Frau starb bereits vor elf Jahren. Sie fehlt sehr. Aber das Haus ließ mich nicht los und somit auch nicht der Weg. Die Nachbarn nahmen mich in ihre Gemeinschaft auf. Ich fühle mich sehr gut aufgehoben – Dafür einmal Danke. Ich war und bin Arzt, stehe zu erster Hilfe zur Verfügung und kann beratend helfen. So vertrauten wir uns. 

Was zu mir gehört: Mich umgeben ein paar Bücher, mehr als man zu einem lebensnotwendigen Erkenntnisstand braucht, es sind alte Freundinnen und Freunde. CDs, Kassetten, Schallplatten füllen das Haus mit Musik und mit meinem Akkordeon habe ich früher schon manchen Saal leergespielt. Ich male, bildhauere und schreibe (Gedichte), wenn mich alten Mann noch die Muse küsst.

Ich genieße die lebendige Ruhe meiner “Straße” und die individuelle Ruhe des Innenhofes mit exotischen Bäumen (Palme, Feige, Olive, Ginkgo, Kaktus, Eiche, Weinstock, Rosenbäumchen) und leider auch japanischem Knöterich. Aber auch mit einem leise plätschernden Brunnen. Ich weiß, dass die Nachbarn, so wie ich, die Möglichkeit der Wiederholung eines Nachbarschaftsfestes, erweitert durch die Nachbarn der den Usedom Weg umgebenden Wege und Straßen, sehr herbeiwünschen – sobald Corona uns wieder lässt. Nach dem Motto: Das Miteinander- Leben beginnt in der Straße, in der Siedlung, in unserem “VEEDEL” – da, wo wir zuhause sind!

Meine Straße: Der Sperberweg

Beim Blick zurück wird Conny Wiese-Robrecht erst so richtig klar, dass es schon 27 Jahre sind, die ihre Familie im Sperberweg wohnt. Wie viel in dieser Zeit passiert ist, daran lässt sie die Leserinnen und Leser des SÜDBLICK heute ganz persönlich teilnehmen. 

Groß geworden in kleinen Dörfern im Hochsauerland führte uns der Weg über unterschiedliche Städte schließlich nach Köln, hier zunächst in die Südstadt, dann nach Braunsfeld und von dort eher zufällig in den Sperberweg nach Rondorf. 

Ich erinnere mich an eine Radtour an einem heißen Tag im Sommer 1993. Gefühlt weit weg von Köln radelten wir über die Autobahnbrücke „Am Höfchen“ und entdeckten dieses uns bis dahin unbekannte Dorf. Auf Ackerflächen standen große Schilder, die auf die Errichtung neuer Häuser aufmerksam machten. Erste Bagger buddelten bereits. So auch im Sperberweg. Kurz entschlossen haben wir uns zwei Tage später für diese Straße entschieden und sind schon wenige Monate später in eines der Reihenhäuser eingezogen.

Anfangs gab es noch den freien Blick auf die leuchtenden Mohn- und Rapsfelder, den wir sehr zu schätzen wussten. Nach und nach entstanden weitere Häuser im wachsenden Rondorf, die den freien Blick nahmen. Aber die Nähe zu den Feldern blieb. Ich freue mich nach wie vor, mal eben die Joggingschuhe anzuziehen, kurz um die Ecke und dann unterm weiten Himmel über Felder laufen zu können.

Gern denke ich an die ersten Jahre im Sperberweg zurück: nette Straßenfeste, engagiert und liebevoll vorbereitet, führten die vielen Menschen zusammen, die hier ihr neues Zuhause gefunden hatten. Zahlreiche Kinder sind hier aufgewachsen, prägten das Bild dieser Straße, waren von morgens früh bis abends spät bewegt draußen und drinnen unterwegs. Der Spielplatz an der evangelischen Kirche erwies sich dabei als besonderes Glück: Stundenlanges Fußball spielen, Schaukeln, Sand schaufeln und dabei Leute kennenlernen.

Im Laufe der Zeit sind die Kinder im Sperberweg, auch die eigenen drei, groß geworden. Umso erfreulicher finde ich, dass in den vergangenen Jahren wieder junge Familien in den Sperberweg gezogen sind, und – wie in den 90-er Jahren – viele muntere Kinder auf der Straße und auf dem Spielplatz unterwegs sind.

Kritisch anmerken möchte ich, dass diese Straße einen sehr geraden Verlauf hat, der manchen Autofahrer zum zu schnellen Fahren verleitet. Das hat uns manche Schrecksekunde gekostet. Auch die damals von der Stadt Köln angepflanzten Bäume lassen zu wünschen übrig; viele sind bereits eingegangen. Da hätte ich mir mehr dauerhaftes, Sauerstoff spendendes Grün gewünscht. Positiv ist allerdings, dass sich einige Nachbarn eigenverantwortlich um die Beete kümmern, sie ansprechend gestalten und auch eigene Bäume gesetzt haben.

Last but not least bin ich sehr froh, dass es uns damals zufällig und ungeplant nach Rondorf verschlagen hat.  Ich habe hier so viele engagierte, offene und kreative Menschen kennen- und schätzen gelernt, mit denen es viel Spaß macht, die unterschiedlichsten Dinge zu bewegen und Aktionen umzusetzen. Das empfinde ich als sehr großes Glück, und es bestätigt mein Lebensmotto „Der Mensch macht’s!“  Ich blicke daher zuversichtlich und offen nach vorn und bin gespannt auf die weiteren Entwicklungen, nicht nur im Sperberweg. 

Einer von uns: Stefan Schmitz

Wenn der Rondorfer Stararchitekt Stefan Schmitz ans Werk geht, ist jedes seiner Projekte zugleich eine Botschaft. Bauen heißt für ihn, das Wohl zukünftiger Generationen in den Blick zu nehmen. Egal, ob er in seinem heimischen Veedel mit dem Projekt „My George“ gerade neue Wohnformen realisiert oder in der fernen Mongolei am ambitionierten Bau einer völlig neuen Idealstadt arbeitet. Demnächst präsentiert der international gefragte Planer seine Mission auch in einem Buch: „Stadt der Zukunft“, eine Mischung aus Mahnung und Vision. Im SÜDBLICK-Gespräch macht der renommierte Bauexperte auch unumwunden deutlich, dass er sich für das Großprojekt Rondorf Nordwest manches durchaus besser wünscht.

Die Zukunft wohnt gleich um die Ecke. Zugegeben, es ist erst einmal eine Baustelle. Direkt neben der unübersehbaren St. Georges School an der Kapellenstraße sind die Baufahrzeuge seit einigen Wochen heftig dabei, ein schickes „Life-Balance-Quartier“ hochzuziehen. Insgesamt zwölf „lebenslustige, familiäre Architektenhäuser mit abgestimmter Gestaltung, offen für neue Ideen und Gespür für die Zukunft“ verspricht der Prospekt. Es ist die jüngste Visitenkarte von Stefan Schmitz. Und der freut sich, dass die Nachfrage groß ist, obwohl die Häuser, die ab Ende 2021 bezogen werden sollen, nicht ganz billig sind. „Alles Rondorf-typische, hochwertige Backstein-Architektur“, betont der Chefplaner, das ist ihm wichtig. Denn Stefan Schmitz liebt unverkennbar sein Veedel, in dem der gebürtige Frankfurter seit 1997 zuhause ist. Und dessen bauliche Entwicklung er seitdem mit offenen, durchaus kritischen Augen verfolgt. 

Was also könnte besser werden? Was fehlt?  Da hat er gleich mehrere Vorschläge. Zum einen: „Rondorf ist ein Straßendorf. Aber die Rondorfer Hauptstraße ist als „Ortskern“ mit ihren Einzelhandels- und Gastronomie-Angeboten wegen des hohen Verkehrsaufkommens für Fußgänger und Radfahrer leider wenig attraktiv. Die mit dem Neubaugebiet Rondorf-Nordwest geplante Umgehungsstraße im Süden wird den Ortskern entlasten. Dadurch entsteht die Chance seiner Aufwertung für Fußgänger, Radfahrer und Einzelhandel, die sinnvoll genutzt werden könnte, wenn auch die durch das Neubaugebiet entstehenden zusätzlichen Bedarfe für Einzelhandel und Gastronomie hier ihren Platz finden könnten. In den bestehenden Planungen ist dies leider nicht der Fall“, zieht er eine durchaus kritische Zwischenbilanz der derzeitigen Überlegungen.

Zum anderen hält er fest: „Rondorf ist auch eine Schlafstadt. Als Folge des Stadtwachstums der letzten Jahrzehnte wuchsen die Wohngebiete um die stadtnahen Dörfer, weil die City aufgrund hoher Mieten und wenig verfügbaren Flächen zu wenig Angebote für das Wohnen bereitstellen konnte. So entstanden in Rondorf ausgedehnte Wohngebiete, die jedoch wegen ihrer Monostruktur wenig städtisches Leben zu bieten haben. Mit dem Neubaugebiet entsteht nun die Chance, eine funktionale Mischung in Rondorf einzuleiten, also auch Orte für Arbeit im Dienstleistungs- und Gewerbe-Sektor zu schaffen. Es gilt, eine Entwicklung anzustoßen die die Bürgerwerkstatt Rondorf mit der Überschrift „Von der Schlafstadt zum Veedel“ tituliert hat.“

Diese Chance sieht Stefan Schmitz bislang vertan, „obwohl bei den kommunalen Stadtplanern die Botschaft angekommen sein müsste, dass ein funktional und sozial gemischtes Stadtviertel für die Stadt der Zukunft steht. Im Falle Rondorf Nordwest gibt der Investor Amelis den Ton an, wenn es darum geht, die Nutzungen in der Bauleitplanung festzulegen. Hier zieht das Argument einer „bedarfsgerechten Planung“, mit anderen Worten, nur das zählt, was der Markt im Augenblick verlangt. Das Ziel einer Transformation des Stadtteils Rondorf in ein „lebendiges Veedel“ bleibt damit auf der Strecke.“

Einmal in Fahrt, gibt er auch dies noch zu Protokoll: „Auch hinsichtlich der Verteilung der durch das Neubaugebiet neu hinzukommenden kommerziellen Nutzungen in Erdgeschosslage verpasst die aktuelle Planung eine sinnvolle Integration in das bestehende Rondorf. Die neuen Flächen für Gastronomie und Einzelhandel sowie einen Vollversorger werden nicht an den Ortskern Rondorfer Hauptstraße angeschlossen, sondern im Neubaugebiet jenseits der Stadtbahntrasse angesiedelt. Hinzu kommt eine Abschottung des Neubaugebietes hinsichtlich der befahrbaren Straßenverbindungen, was den isolierten Zustand des dort entstehenden Quartiersplatzes weiter verstärkt.“ Und dann folgt der Appell: „Das Neubauprojekt eröffnet ein großes Potential zur Aufwertung des bestehenden Stadtteils, das jedoch von den derzeitigen Planungsträgern nicht genutzt wird. Die aktuelle Planung entspricht in keinerlei Hinsicht den Kriterien einer modernen und nachhaltigen Stadtentwicklung. Hier ist dringend ein Umschwung notwendig.“

Früh hat Stefan Schmitz mit vielen Mitstreitern seine Ideen in die Bürgerwerkstatt der Dorfgemeinschaft eingebracht. Und ist umso mehr irritiert, dass die von den Experten dort entwickelten Konzepte für das Großbauprojekt insgesamt zu wenig Beachtung finden. Deshalb mahnt er auch: „Wenn dies ein urbanes Vorzeigeprojet werden soll, darf der zeitliche Druck eines Baubeginns nicht dazu führen, dass mangels Dialog mit den Bürgern vor Ort vorschnell Fakten geschaffen werden, die irreversible Fehlentwicklungen nach sich ziehen können.“ Deshalb lautet seine konkrete Forderung: „Bei Vorhaben der Größenordnung wie in Rondorf muss es Gestaltungswettbewerbe geben, so dass eine unabhängige Jury die besten Ideen auswählen kann.“

Ja, für den erfahrenen Stadtplaner war schon die Entstehung des Großbauprojektes fehlerhaft: „Es war falsch, dass am Anfang keine öffentliche Ausschreibung für den Kauf des Grundstücks erfolgte, sondern das ganze Baugebiet direkt an ein Unternehmen verkauft wurde. Der städtebauliche Entwurf wurde nicht wie üblich über ein Wettbewerbsverfahren ermittelt, sondern über den damaligen Baudezernenten willkürlich an ein Planungsbüro vergeben.“ Eine Kritik, mit der er nicht alleinsteht. Und schon gar nicht mit der weiteren Feststellung: „Leider gibt die vorliegende Planung baurechtlich fast nur „Allgemeines Wohngebiet“ vor, das dem Ziel der Schaffung eines lebendigen Veedels nicht gerecht wird.“ Schon von jeher lautet die grundsätzliche Überzeugung des 65jährigen: „Wir brauchen eine polyzentrische Stadtentwicklung, bei der die Stärkung der Stadtteile als autonome Städte in der Stadt im Mittelpunkt steht.“

Stefan Schmitz ist ein Mann, der weiß, wovon er spricht. Nach erfolgreicher Mitarbeit in Architekturbüros u.a. in Paris und Florenz gründete er 1990 sein eigenes Büro als Architekt und Stadtplaner in Köln. Bereits am Anfang seiner aktiven Berufslaufbahn wurde er neben Gottfried Böhm mit dem Rheinischen Kulturpreis und dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler ausgezeichnet. Es folgten zahlreiche Wettbewerbserfolge. Mitbegründet hat er das Architekturforum Rheinland e.V. (AFR). Nach seinem ehrenamtlichen Engagement in Köln als Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten (BDA) und Vorsitzender des Gestaltungsbeirats der Stadt Köln wurde er 2008 zum Wirtschaftsbotschafter der Stadt Köln ernannt.

Und was ist sein Hauptantrieb für seine Leidenschaft? „Die Herausforderung besteht bei jedem Projekt darin: Es braucht einen Spürsinn, um Architektur zu entwerfen. Es braucht einen tragenden Gedanken am Anfang. Nur dann entsteht ein Ganzes, eine Architektur, die einzigartig ist.“ Seine Überzeugung lautet: „Architektur ist schön, wenn alles stimmt und im Einklang steht.“ Dieser Satz ist so etwas wie das Leitmotto für das umfangreiche Schaffen des engagierten Rondorfer. 

Und nach dieser Devise hat er bisher über dreihundert Architektur- und Städtebauprojekte im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit mit seinem Büro entworfen, wenn auch nur zum kleineren Teil gebaut. Auch Köln hat er mit zahlreichen Projekten inspiriert. So den Wiener Platz mit der Galerie Wiener Platz in Köln-Mülheim oder die Neugestaltung Severinstraße. Doch die Welt des Stefan Schmitz ist groß. Mitten in der Mongolei entwickelt er seit 2012 sein bisher größtes Projekt “Maidar City”: In der Nähe der völlig überlasteten mongolischen Hauptstadt Ulan Bator will er eine neue Vorzeigestadt für 300.000 Menschen schaffen. Inzwischen ist die Planung so weit, dass die Investorensuche beginnen konnte. 

Die Idealstadt folgt strengsten ökologischen Standards. Hierfür wurde er 2016 mit „Platin“, dem höchsten Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen  ausgezeichnet. „Mir geht es um die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen durch Einsatz erneuerbarer Energien und optimale Wirtschaftlichkeit über die gesamte Lebensdauer des Gebauten hinweg“, betont er im SÜDBLICK-Gespräch. Seine Vision für „Maidar City“ geht jedoch weit über die ökologische Nachhaltigkeit hinaus. Deshalb soll die Stadt der Zukunft nicht aus einem Zentrum bestehen, sondern aus vielen gleichberechtigten Stadtteilen, die sowohl Arbeitsplätze als auch Wohnraum, Kulturangebote und öffentliche Dienstleistungen bieten. So sollen lebenswerte Viertel für alle entstehen und keine Luxus-Gebiete nur für Wohlhabende. „Nachhaltig ist nur das, was sozial und funktional gemischt ist”, sagt Stefan Schmitz dazu.

Es ist nicht das erste und einzige Projekt des Kölners in Fernost. Deshalb wurde er 2009 zum Sprecher der Initiative EcoCity+ für nachhaltige Stadtentwicklung in China und 2010 zum Gastprofessor in Xuzhou (China) berufen. 2018 folgte die Ernennung zum Honorarkonsul der Mongolei (NRW) und die Berufung in den Beirat der Deutsch-Mongolischen Gesellschaft. 

Auch wenn der Kölner mit seiner Vision vom ökologischen Städtebau rund um den Globus unterwegs ist, ist er doch fest in seiner Wahlheimat Köln verwurzelt. 23 Jahre wohnt er in Rondorf. Und kämpft unverdrossen weiter für eine engere Einbindung der Bürger in städtebauliche Planungsprozesse. In seinem Buch zur „Zukunft der Stadt“, an dem er momentan noch intensiv arbeitet, umreißt er seine Vision klar: „Wieviel einfacher wäre es, wenn die natürliche Expertise der Bürger vor Ort von vornherein in geregelter Form in den Planungs- und Entscheidungsprozess mit eingebracht werden könnte. Es gilt, dieses Potential zu nutzen, um auf schnellstem Weg einen allseits befriedeten Interessensausgleich zu erreichen und unnötige Auseinandersetzungen zu vermeiden.“ Rondorf Nordwest liefert ihm dafür viel konkretes Anschauungsmaterial. So lautet denn das Credo von Stefan Schmitz: „Wer das durchaus willkommene Neubaugebiet nicht als introvertierten, nur in sich funktionierenden Körper begreifen will, muss es eng mit dem bestehenden Stadtgefüge so verknüpfen, dass Rondorf als Ganzes gewinnt und bestehende Defizite mit Hilfe der neuen Entwicklung beseitigt werden können. Es gilt, die bestehenden Potentiale des Ortskerns und die der Neubebauung so zusammen zu führen, dass Synergieeffekte entstehen, die den Ortskern und damit den Stadtteil Rondorf als Ganzes aufwerten.“ 

Ob dies gelingt? Die Frage bleibt offen. Aber wem wirklich an einem lebenswerten Veedel liegt, der darf schon jetzt gespannt sein auf das Buch des Stararchitekten aus Rondorf.

Einer von uns: Schiedsmann Werner Müller

Ach, wie schön wäre es doch, wenn alle Menschen in Frieden miteinander leben könnten! Doch das ist im Alltag nicht immer einfach. Hier ein unbedachtes böses Wort, das rasch zur Beleidigung eskaliert. Da ein Hausfriedensbruch, eine Sachbeschädigung. Aber zum Glück gibt es Werner Müller, den immer auf Ausgleich bedachten Schiedsmann aus Rondorf. Wie er aus aufgebrachten Streithähnen wieder freundlich grüßende Nachbarn macht, hat er dem SÜDBLICK verraten. 

Alles an ihm ist irgendwie beruhigend: Mit langsamer, aber fester Stimme beschwichtigt Werner Müller sein Gegenüber, der eben noch aufgeregt lautstark und heftig seinem Ärger Luft gemacht hat. Und sei es nur, weil ihn die Steckdosen in der Wohnung nebenan stören. Nicht selten geht es in solchen Fällen in Müllers guter Stube recht emotional zu, so manches hat sich da im Laufe der Zeit offenkundig bei Frau X oder Herrn Y aufgestaut. In Extremsituationen kann es sogar vorkommen, dass die eine Streitpartei die andere während der Verhandlung körperlich so massiv attackiert, dass der Schiedsmann dazwischen gehen muss und alle beide hinauswirft.

Doch Werner Müller ist im Allgemeinen äußerst geduldig. Still hört er sich alles an. Dann macht er eine Pause. Schaut mit sanftem Lächeln über den schmalen Brillenrand zur „Konfliktpartei“ auf der anderen Seite des Tisches. Und sagt erst einmal nichts zu dem hitzigen Vortrag. Er macht sich stattdessen ein paar Notizen. Dann kommt der „Kontrahent“ zu Wort. Wieder die gleiche Prozedur. Aber vielleicht ist das Temperament jetzt schon wieder etwas herunter gekühlt. Denn Werner Müller setzt alles daran, eine Atmosphäre betonter Sachlichkeit zu schaffen. „Wichtig ist, dass jede Partei erstmal in Ruhe ihre Sichtweise darlegen kann und nicht unterbrochen wird“, erzählt er. Manchmal dauern die Gespräche lange oder sehr lange. Meistens jedoch ca. eine Stunde. Die Verhandlungen dauern länger, so bis zu zwei Stunden. Sofern der umtriebige Besucher, der erst nach acht Wochen Zeit zu einem klärenden Gespräch in seiner Sache findet, nicht schon wieder nach zwei oder drei Minuten einfach aufsteht und davon geht. Sein Problem scheint offenbar doch nicht so wichtig zu sein.

Seit mehr als vier Jahren ist der heute 68jährige ehrenamtlicher Schiedsmann für den Kölner Bezirk 21, der nicht nur Rondorf, sondern auch Bayenthal, Marienburg, Raderberg, Raderthal und Zollstock umfasst. Und da gibt es wohl einiges zu tun: Rund 120 Streitfälle haben ihm bisher Polizei, Gerichte zugewiesen oder sie sind in Eigeninitiative gekommen, weil sie hoffen, dass der kräftige weißhaarige Mann die Streithähne zu einer Verständigung bewegen kann. So wie zwei enge Verwandte, die seit Jahrzehnten jeder eine Doppelhaushälfte bewohnen, aber wegen Unstimmigkeiten über die gemeinsame Gartengrenze partout kein Wort miteinander sprechen. Da sind die Ärgernisse vorprogrammiert. 

Was vor allem bringt Menschen, oftmals Nachbarn, so auf die Palme, dass sie aneinandergeraten? Da muss selbst der immer freundliche, gelassene Herr Müller ein wenig lächeln: „Garten, Garten, Garten – Tiere, Beleidigungen, Lärm und alles was man sich vorstellen kann“, zählt er auf. Die Zahl der Akten, die sich im Laufe der Zeit gestapelt haben, ist beachtlich. „Manche schleppen dicke Ordner mit Fotos und anderem scheinbaren Beweismaterial an“, hat der Schiedsmann gelernt, der auch in der Seniorenvertretung Rodenkirchen aktiv ist.

Natürlich darf er keine Details verraten, Diskretion ist in diesem ehrenamtlichen Job als Friedensstifter die Vertrauensgrundlage schlechthin. Aber er lässt im SÜDBLICK-Gespräch zumindest ahnen, wer da so alles durch seine schmucke Tür zu ihm kommt: Es sind mehr Männer als Frauen, eher Ältere als Junge, die da bisweilen mitunter heftig „ihr gutes Recht“ einfordern. Und das bisweilen auch anschaulich demonstrieren. Da ist zum Beispiel jene Dame, die dem braven Schiedsmann aus Rondorf die Spuren eines Hundebisses unbedingt an ihrem Gesäß zeigen musste. Leider aber war trotz des Sichtkontakts nichts weiter zu sehen. Ein sehr hintergründiger Fall.

Oftmals ist der ehemalige Bilanzbuchhalter, der auch schon als Koch im Kurhaus auf der schönen Bühlerhöhe im Schwarzwald gearbeitet hat, erstaunt, dass ein und derselbe Fall plötzlich so zwei völlig unterschiedliche Geschichten zu Tage bringt. Dann ist vor allem der gesunde Menschenverstand gefragt. Mit leiser Stimme versucht Werner Müller zu vermitteln. Nur vorsichtig schaltet er sich ein. Etwa mit der Frage: „Ist es nicht besser für Sie, wenn wir versuchen, eine Einigung zu finden? Oder möchten Sie wirklich dauerhaft in Streit und Unfrieden leben?“ „Schlichten statt Richten“, ist sein Leitmotiv, denn er ist ja kein Richter. Sondern eher ein Moderator, der sich bemüht, die beiden konträren Seiten behutsam miteinander ins Gespräch zu bringen.

Was also muss jemand vor allem mitbringen, der sich auf diese heikle Aufgabe als Schiedsmann einlässt? „Er sollte sehr gelassen, konsequent und voller Fantasie sein“, zieht der Rondorfer Bilanz seiner langjährigen Erfahrungen. Und ist ein bisschen stolz: In etwa der Hälfte der „streitigen Angelegenheiten“ ist es ihm gelungen, eine Lösung hinzukriegen – ohne den Weg zum Gericht.

Weil er nach seiner beruflichen Tätigkeit noch eine sinnvolle Beschäftigung ausüben wollte, hat sich der freundliche Herr bei der Stadt Köln für das Schiedsamt beworben, ganz genau beim Amt für Recht, Vergabe und Versicherungen. Dort führte er zunächst ein Gespräch mit dem zuständigen Mitarbeiter sowie einer erfahrenen Schiedsperson aus Köln. Ihnen gefiel die souveräne, ruhige Art des Jungrentners. Als Schiedsperson kann sich hier übrigens jeder bewerben, der mindestens 30 Jahre alt ist, aber noch nicht siebzig. Müller bekam eine mehrtägige Einweisung und wurde sodann für fünf Jahre von der Bezirksvertretung Rodenkirchen in das Ehrenamt gewählt. Seine Mission lautet seitdem: Zwei Streitparteien an einen Tisch bringen, die Positionen geduldig austauschen, mit freundlichen diplomatischen Ratschlägen eine Einigung anstreben, so dass am Ende alle möglichst wieder mit einem versöhnlichen Händedruck auseinandergehen können. Denn das ist Werner Müller wichtig. „Gut ist es, wenn sich beide gegenseitig zum Schluss entschuldigen und damit auch für sich einen sehr persönlichen Schlussstrich unter die zunächst erbitterte Angelegenheit ziehen und wieder ihren inneren Frieden finden!“.

Der ganz praktische Vorteil: Bürger kommen so oftmals unbürokratisch und schnell zu ihrem Recht durch einen Vergleich. Das spart Kosten und entlastet die Gerichte. Das Verfahren beim Schiedsamt wird durch einen Antrag, der Name und Anschrift der Parteien sowie den Gegenstand der Causa darstellt, eingeleitet. Bei Streitigkeiten mit eher geringem Streitwert und bestimmten Nachbarschaftskonflikten müssen die Prozessparteien sogar im Regelfalle zuerst einen Schiedsmann aufsuchen, bevor es zum aufwändigen juristischen Fall kommt. Der Schiedsmann setzt den Termin fest, zu dem beide Parteien erscheinen müssen, sonst droht sogar ein Ordnungsgeld.

Werner Müller ist aber kein Richter und spricht also kein Urteil. Vielmehr protokolliert er das Wesentliche, schreibt in kurzer Form auf, was die jeweilige Partei umtreibt. „Das ist mir wichtig, damit nicht alles schwammig bleibt“, beschreibt er seine Vorgehensweise. Als Vermittler zwischen den Fronten ist er sorgsam bemüht, sich während der Gespräche zurückzuhalten und sich keinesfalls von einer Seite beeinflussen zu lassen. 

Ist der Einigungswille erzielt, formuliert er im Erfolgsfalle schriftlich eine Vereinbarung. Akzeptieren die Streithähne mit ihrer Unterschrift das einvernehmliche Ergebnis, wird das Ganze noch mit einem Dienstsiegel bekräftigt. So viel Ordnung muss sein. Dafür ist das Dokument dann auch 30 Jahre gültig. Allzu teuer ist das Verfahren für die Beteiligten nicht: Für einen Vergleich sind 25 Euro fällig, dazu kommen Auslagen etwa für Porto. Ein Anwalt wäre für ein solches Honorar kaum zu bekommen.

Verhandelt wird bei Werner Müller zuhause. Neben seiner Haustür im Merlinweg weist schon ein Schild mit NRW-Wappen auf seine wichtige Aufgabe hin: Schiedsamt. Wird ein Schlichtungsantrag eingereicht, muss der Antragsteller zunächst einen Vorschuss von 50 Euro leisten. Wenige Wochen später geht es dann los. Und sollte der verbindliche Herr Müller einmal nicht erfolgreich sein, besteht immer noch der teurere Rechtsweg.

Bleibt zum Schluss eine Frage an den Schlichter von nebenan: Nimmt die Konflikthäufigkeit in unserer Gesellschaft eher zu? Da zieht der Mann aus Rondorf eine positive Bilanz und meint: „Eher nicht. Auch die größere Stressbelastung durch die Corona-Pandemie mit all ihren Begleiterscheinungen hat nicht zu einer Erhöhung des Streitpotenzials geführt.“ Na, das sind immerhin gute Aussichten für ein friedliches Neues Jahr.

Die Magie des Merlinwegs: Andreas Kesenheimer spürt sie jeden Tag

Von Longerich übers Eigelsteinviertel und Raderthal nach Rondorf – sicherlich, es gibt Leute, die an (noch) spektakuläreren Orten gewohnt haben als Andreas Kesenheimer. Aber ein Blick auf den Stadtplan verrät: Geradliniger von Nord nach Süd geht es kaum. Der Merlinweg in Rondorf ist nun seit über 20 Jahren die Heimat und der feste Anker im Leben des IT-Beraters, besonders in Zeiten, in denen er beruflich permanent auf Reisen war. Hier spürt er einen Zauber, den es nur dort gibt.

Als Familie sind wir mit drei Kindern 1999 im Wendekreis des Merlinwegs eingezogen. Nahezu alle in der Nachbarschaft waren in derselben Lebenssituation, das schafft Nähe und lässt schnell Freunde finden. Für die Familie hat der Merlinweg eine optimale Lage: Zwei Kinderspielplätze und ein Bolzplatz in wenigen Gehminuten zu erreichen. Perfekt, um die Kinder „zum Lüften“ raus zu schicken. Als Sackgasse gibt es keinen Durchgangsverkehr; mit dem Hund über den Acker oder durch die Grünflächen, um den Forstbotanischen Garten, einmal um den Kalscheurer Weiher und zurück – alles ohne Aufwand und Auto zu schaffen.

Der Merlinweg gehört zu den letzten beiden Bauabschnitten des Römerhofs in Rondorf, gebaut in der Zeit von 1997 bis 2001. Die Bebauung besteht aus ca. 130 Einfamilienhäusern als Reihen- oder Doppelhäuser mit rund 300 Einwohnern und zusätzlich etwa 140 Personen in der Flüchtlingsunterkunft, sicherlich keine der kleinen Straßen in Rondorf – doch eine mit einem ganz eigenen Spirit. Eigentlich gehört die Namensgebung des Merlinweg in die Serie der Raubvögel, allerdings lässt die namentliche Nähe zum legendären Zauberer viel Raum für Fantasie und Spekulationen. Wer weiß …? 

Nahezu vollständig von Grün- und Gartenflächen umgeben mit nur einer Ein- und Ausfahrt fast schon ein wenig abgeschieden vom restlichen Rondorf ist hier Platz und Atmosphäre für das Außergewöhnliche. Die Straße, geformt wie der Buchstabe „A“ hat eine besondere Nummerierung der Hausnummern (ungerade bis 177, gerade bis 78), die schon manchen Besucher, aber auch Post- oder Paketboten zur Verzweiflung getrieben hat; da wundert es fast schon, dass es keine Hausnummer „9¾“ gibt.

Viele engagierte und auf ihre Art besondere Leute finden sich im Merlinweg zusammen; unter anderem haben hier diverse Künstler und Kreative ihre Heimat gefunden. Zum Beispiel Harald Meisenheimer mit seiner Glaskunst, Grafiker und Maler Lutz Kasper mit eigenen Ausstellungen z.B. im Atelier Link, unser lokaler „Dorffotograf“ Uwe Volk. Über die legendären Straßenfeste findet sich hier außerdem die Wiege der Band „Merlin‘s Way“.

Mittlerweile bin ich der einzige von „Merlin‘s Way“, der auch noch im Merlinweg wohnt. Mit dem Erweitern des musikalischen Engagements über die „Church-Rocker“, „Mit Hätz un Stimm“ und manchmal sogar mit Solo-Auftritten unterwegs, hat sich auch der Bekannten- und Freundeskreis weit über den Merlinweg ausgedehnt. So ist über Haus und Hof der Familie, die Dorfgemeinschaft und viele Kontakte über die Hundespaziergänge, Rondorf für mich zu einem wunderbaren Zuhause geworden.

Über viele Jahre gehörte das Merlinweg-Straßenfest zum festen Bestandteil des nachbarschaftlichen Miteinanders und hat sicherlich seinen positiven Beitrag zur guten Nachbarschaft geleistet. Es zeigt sich aber, – wie in dieser Serie auch schon an anderer Stelle sehr treffend beschrieben – dass im Laufe der Zeit die Kontakte und Kommunikation selektiver werden, der Fokus und die Wahrnehmung sich immer weiter auf den eigenen Bereich beschränkt. Dennoch: Das einstige und selbstverständliche Mit- und Füreinander – das gibt es noch: Als meine Frau Beate durch einen Unfall eine Zeitlang gehbehindert war, haben wir viel Unterstützung in der Freund- und Nachbarschaft erfahren.

Leider ist vor allem in der letzten Zeit mit häufigem Südwind die Autobahn deutlich zu hören – hoffentlich schafft es Frau Roß-Belkner, die vor der Kommunalwahl 2020 als Wahlversprechen gegebene Zusage umzusetzen, den Lärmschutzwall der A-555 bis zur Autobahnbrücke in Giesdorf zu erweitern; das würde für den gesamten östlichen Teil von Rondorf einiges an Geräuschkulisse abmildern. In ihrer aktuellen Agenda ist davon leider allerdings nichts mehr zu lesen…

Wie auch immer… Die Magie des Merlinwegs ist etwas ganz Besonderes, und ich wohne sehr gerne hier.

Fotos: (c) Uwe Volk

Einer von uns: Claus Kreß

„Give peace a chance.“ Wer die Homepage von Claus Kreß besucht, stößt gleich auf diesen wohl berühmtesten Songtitel von John Lennon. Aufgenommen 1969. Der Kölner Jura-Professor war da gerade drei Jahre alt. Und doch wurde dieser Appell des Pop-Poeten später so etwas wie das Lebensmotto des Rondorfers. Denn der Straf- und Völkerrechtler ist heute einer der weltweit renommiertesten Juristen, wenn es um Fragen von Krieg und Frieden geht. Das ist sein „Herzensthema“. 

1998 verhandelte er für Deutschland mit bei der Gründung des Internationalen Strafgerichtshofes und seit dem letzten Jahr ist er Richter in einem Rechtsstreit vor dem Internationalen Gerichtshof, dem Hauptrechtsprechungsorgan der Vereinten Nationen. Der SÜDBLICK wollte von ihm wissen: Bekommt der Frieden in unserer Welt jemals eine wirkliche Chance?

Er steht da inmitten einer Diskussionsrunde von drei Dutzend „Friedensbewegten“ im heimischen Pfarrzentrum Heilige Drei Könige. Die Debatte kreist engagiert um die Frage: „Warum gelingt es nicht, globale Konflikte anders als mit kriegerischer Zerstörung zu lösen?“ Zur gleichen Stunde senden die Fernsehnachrichten dramatische Bilder über neue schwere Auseinandersetzungen im Bürgerkriegsland Syrien, die zugespitzte Lage in Weißrussland. Blutige Kämpfe an vielen Ecken der Erde. „Ja, bei solchen Bildern muss jeder ganz tief schlucken; bei all diesem Leid versagt auch mir die Sprache. Aber genau das ist der Ansporn für mich, immer wieder über Regeln für friedliche Lösungen nachzudenken.“ Claus Kreß, der prominente Gesprächspartner des Abends, ist jetzt ganz in seinem Element. Denn er hat die Frage eines weltweiten Friedenssicherungsrechts zu seinem Lebensthema gemacht. 2012 hat er deshalb an der Kölner Universität ein Institut für internationales Friedenssicherungsrecht gegründet und ist dessen Direktor. Seitdem ist sein Rat, seine Expertise weltweit gefragt. Unermüdlich fordert er immer wieder ein klares Bekenntnis zur Idee des Völkerrechts ein. Doch seine Prognose an diesem Abend klingt keinesfalls optimistisch. Er sieht diese große Idee von vielen Seiten unter Druck durch eine „Allianz der Staaten, die sich vom Völkerrecht abwenden, durch Regierungen, die rücksichtslos auf eigene Faust kalkulieren“.

Was reizt ihn dennoch an seiner Aufgabe? Die Antwort kommt, ohne zu zögern: „Die Frage von Krieg und Frieden empfinde ich als elementar. Die Bewahrung des Weltfriedens ist die wohl wichtigste Voraussetzung dafür, dass zahlreiche andere zentrale Probleme erfolgreich bearbeitet werden können, etwa der Klimaschutz oder eine faire Weltwirtschaftsordnung“, erklärt der 54-jährige. Doch ist er frei von Illusionen: Das völkerrechtliche Gewaltverbot, dieser „Eckstein der internationalen Rechtsordnung“, steht unter Druck. Derzeit macht er sich auch Gedanken über die völkerrechtlichen Regeln, die bei Konflikten zwischen Staaten und transnationalen Terrororganisationen wie Al Quaeda oder dem „Islamischen Staat“ gelten müssen: „Früher standen die Konflikte zwischen Staaten ganz im Vordergrund. Inzwischen müssen wir den Blick auf solche nicht-staatliche Organisationen wie diese erweitern.“ Und er fragt: „Wann darf ein Staat einem anderen auf dessen Ersuchen hin militärischen Beistand auf dessen Staatsgebiet leisten?  Denken Sie etwa an die russische Unterstützung des Assad-Regimes in Syrien.“ Zuletzt beschäftigte ihn auch der Giftanschlag auf den Kreml-Kritiker Alexej Nawalny.

Begonnen hat die Karriere des Top-Juristen im Bundesjustizministerium. „Bei der Mitarbeit an einer sehr umstrittenen Strafrechtsreform habe ich die Gesetzgebung in Deutschland hautnah erlebt. Dann wurde 1998 der Internationale Strafgerichtshof gegründet. Das interessierte mich brennend. Denn meine Fächer Völkerrecht und Strafrecht flossen hier ja zusammen. Doch als blutjunger Beamter habe ich mir keinerlei Chance ausgerechnet, an der Gründungskonferenz in Rom teilnehmen zu dürfen. Aber als im Ministerium herumgefragt wurde, hat sich kaum jemand gemeldet. Da habe ich schüchtern die Hand gehoben – und erlebte sodann fünf unglaublich spannende Wochen in Rom, die am Ende sogar erfolgreich waren.“ Ein „Geschenk der Hoffnung für künftige Generationen“, so nannte der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan den neuen Gerichtshof in Den Haag.   

Wer dem smarten Professor zuhört, merkt schnell, da ist jemand, der nicht nur in großen Theorien denkt, sondern auch im politischen Alltag kein Blatt vor den Mund nimmt. So scheute er sich nicht vor Kritik etwa an US-Präsident Trump oder dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan. „Es gehört tatsächlich zu meinem beruflichen Selbstverständnis, nicht nur still über das Völkerrecht nachzudenken, sondern auch Stellung zu beziehen, wenn dieses Recht verletzt wird. In unserem Land genießen wir Wissenschaftler Unabhängigkeit. Das ist ein großes Privileg. Zur Glaubwürdigkeit gehört dann natürlich, niemanden von gebotener völkerrechtlicher Kritik auszunehmen“, bezieht er im SÜDBLICK-Gespräch klar Position.

Inzwischen haben sich dem Internationalen Strafgerichtshof 123 der 193 UN-Mitgliedsländer angeschlossen, darunter alle EU-Mitglieder. Nicht dabei ist jedoch China, Indien, Israel, Russland, Türkei und die USA. Wie wirksam also ist dieses Instrument, um Völkerrecht international durchzusetzen? „Es gibt zwar keine dokumentierte Erfolgsbilanz. Aber dass eine Institution Sanktionen verhängen kann, bleibt nicht ohne Wirkung“, konstatiert er. Der Kölner Experte nennt ein Beispiel: „In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit dem internationalen Verbrechen des Angriffskriegs beschäftigt, das man heute Verbrechen der Aggression nennt. Es ist nach langem Ringen gelungen, sich über eine internationale Definition zu einigen. Und seit 2018 kann der Internationale Strafgerichtshof seine Zuständigkeit über dieses Verbrechen ausüben.“ Immerhin ein konkreter Schritt für ein bisschen mehr Frieden.

Seine Zwischenbilanz lautet deshalb: „Bei aller Unvollkommenheit ist es im Lauf der Zeit gelungen, die Idee einer internationalen Rechtsgemeinschaft erheblich voranzubringen, sowohl durch die Schaffung von Normen als auch durch die Errichtung von Institutionen. All dies steht augenblicklich aber wegen der rechtsabgewandten Machtpolitik von Männern wie Trump, Putin, Erdogan oder Xi auf dem Spiel. Umso wichtiger ist es, dass die anderen nicht resigniert zurückweichen, sondern sich gemeinsam dafür einsetzen, das Erreichte zu bewahren.“ 

Und was stimmt ihn trotz aller Rückschläge für die Zukunft dennoch optimistisch? „Ich bin überzeugt, dass Recht und Institutionen widerstandskräftig sind, sie vergehen nicht über Nacht, wenn der Wind einmal rauer weht. Auch diese Herren sind, so meine feste Zuversicht, nicht das letzte Wort der Geschichte“, sagt der Rechtswissenschaftler. Und so hofft er, dass sich mit dem neuen US-Präsidenten auch die USA wieder aktiv für internationale Zusammenarbeit und Völkerrecht engagieren. Mit seiner Mission ist er weltweit unterwegs: Als Gastprofessor etwa an Hochschulen in Cambridge, Florenz, New York, Melbourne oder im japanischen Kyoto. Aber sein privates Zuhause hat er im Jahre 2000 mit seiner Familie in Rondorf gefunden: „Ich bin eine kölsche Seele – hier und dort zieht es mich zwar in die Ferne, aber ich komme immer sehr gerne wieder zurück an den Dom.“

Bleibt zum Abschluss unserer Tour d’Horizon durch die aufgewühlte Weltlage noch eine Frage: „Haben Sie ein historisches Vorbild? Eine Figur, von der man heute etwas lernen könnte?“  Da verweist Claus Kreß spontan auf Benjamin Ferencz, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit Kriegsverbrechen beschäftigte und unmittelbar nach der Befreiung in deutschen Konzentrationslagern ermittelte. „Er hat also auf einem mir vertrauten Feld gewirkt und tut es noch immer. Ich kenne ihn seit Jahren. Nachdem er als US-Soldat einige befreite deutsche Konzentrationslager gesehen hatte, wurde er im Alter von 27 Jahren Chefankläger in dem berühmten Nürnberger „Einsatzgruppenprozess“ gegen 22 nationalsozialistische Massenmörder. Danach setzte er sich für deutsche Entschädigungsleistungen an jüdische Opfer ein, und schließlich schrieb er dicke Wälzer gegen den Angriffskrieg und für den Weltfrieden. In diesem Jahr ist der letzte noch lebende Ankläger von Nürnberg 100 Jahre alt geworden – und Ben zögerte auch in seinem hohen Alter nicht, Donald Trump während dessen Amtszeit die Stirn zu bieten und ihm entgegenzurufen, dass er als Präsident der USA dabei sei, eine große Tradition seines Landes zu verraten, indem er das Völkerrecht mit Füßen tritt. Diese Haltung imponiert mir!“

Dann ist die Lehrstunde mit dem weltläufigen Professor aus Rondorf zu Ende. Zurück bleiben viele nachdenkliche Gesichter. Give peace a chance!

Meine Straße: Westerwaldstraße

Für Anita Ferraris ist die Westerwaldstraße eine echte Entdeckung

Vor zwei Jahren wohnte sie noch mitten in der Stadt und hätte sich nicht vorstellen können, eines Tages im Grünen am Stadtrand zu landen. Aber: „Mensch denkt, Gott lenkt“ Und so geriet Anita Ferraris ans hinterste Ende der Westerwaldstraße im Süden von Rondorf. Offen schildert sie, warum sie von dort nie wieder weg möchte.

Der Teil, in dem ich wohne, ist eine ruhige Privatstraße mit hübschen Mehrfamilienhäusern. Oft gehe ich übers Feld und treffe auf meinen Spaziergängen Menschen mit Hunden, was zu mancher netten Unterhaltung führt. In wenigen Schritten bin ich im Wald, den ich „das Westerwäldchen“ getauft habe. Dass ich hier glücklich lebe, verdanke ich tatsächlich einer Person, an die ich mich höchst ungern erinnere. Vom ersten Augenblick an, als die neue Nachbarin nämlich direkt neben mir in Köln-Bayenthal einzog, waren meine Ruhe und mein Seelenfrieden vorbei. Ab jetzt gab es nachts Party, tagsüber Lärm, und jederzeit Unverschämtheiten aller Art. Ich konnte nicht mehr arbeiten und nicht mehr schlafen. Sämtliche Versuche zur gütlichen Einigung scheiterten. Auf einen endlosen Kampf mit ihr hatte ich keine Lust. Ich entschloss mich also, umzuziehen. – In Köln eine Wohnung mit Balkon für mich und meine beiden Katzen zu finden, entpuppte sich allerdings als ein Ding der Unmöglichkeit. 

Zudem brauchte ich die Erlaubnis des Vermieters in der Wohnung arbeiten zu dürfen. Ich liebe meine Arbeit von Herzen und möchte meine Tätigkeit bis ins hohe Alter ausüben.

Im Innersten meiner Seele bin ich Künstlerin. 30 Jahre war ich als Regisseurin im Theater, beim WDR und als bildende Künstlerin tätig. In Köln leitete ich zwei Jahre lang das Theater „Der Keller“. Seit 15 Jahren bin ich Heilpraktikerin (Psych.) und arbeite als tiefenpsychologische Körpertherapeutin. Mein Konzept ist ganzheitlich und zeichnet sich durch eine fachlich fundierte Methodenvielfalt aus. Das Wesentliche bei der Körpertherapie besteht unter anderem darin, dass in den Sitzungen der Körper und die Körperwahrnehmung eine größere Rolle spielen als in einer reinen Gesprächstherapie. Zudem bin ich beratende und ausbildende Astrologin. 

Die Astrologie, die ich unterrichte und für Beratungen nutze, hat allerdings nichts mit dem zu tun, was der Laie aus den Tageszeitungen kennt. Als professionelle durch den deutschen Astrologenverband geprüfte und als Ausbildungsinstitut lizensierte Astrologin mache ich keine Zukunftsaussagen. Die psychologische Astrologie ist vielmehr eine uralte Symbollehre und beschreibt die seelische Struktur eines Menschen mit allen Möglichkeiten und wahrscheinlichen Grenzen. Ich nutze sie als Grundlage für Lebensberatungen. Immer noch fließt meine Kreativität in alle meine innig geliebten Tätigkeiten ein, und ich brauche eine entsprechende Umgebung, die mir entspanntes Leben und Arbeiten ermöglicht.

Auf meiner Wohnungssuche durchforstete ich also Tag für Tag das Internet. Auf allen möglichen Portalen betrachtete ich die mageren Angebote. Die Wohnungen waren überteuert oder potthässlich. Manchmal fuhr ich dennoch hin und lernte Stadtviertel und Straßen kennen, in denen ich noch nie gewesen war, die ich wahrscheinlich nie wieder betreten würde und in denen ich bestimmt nicht leben wollte. In meiner Not sprach ich mit meiner hellsichtigen Freundin Eliane. “Mach dir keine Sorgen! Deine neue Wohnung wartet schon auf dich. Sie ist lichtdurchflutet, die Vermieter sind entzückend und werden dich mit offenen Armen empfangen”, sagte sie fröhlich.

Eliane hatte gut reden. Schön wär‘s. Aber tatsächlich sah ich kurz danach im Internet faszinierende Bilder einer hellen Wohnung im Grünen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gingen. Die Terrasse hatte eine gelbe Markise und gab den Blick frei auf Wiesen, Wald und Felder. Alles wirkte einladend. Aber – wollte ich so weit draußen am Stadtrand wohnen? Obwohl der Verkehr und der ständige Baulärm in der Innenstadt mir schon lange zu anstrengend geworden waren, war ich ein überzeugter Großstadtmensch. Also suchte ich weiter – und fand nichts. Sollte Eliane doch die Wohnung mit der gelben Markise gemeint haben? Ich machte mich auf den Weg nach Rondorf. Die Westerwaldstraße war so gut wie leer. Mir begegnete nur ein freundlich nickender älterer Herr, vermutlich mit seinem Enkelkind.

“Das kann ja heiter werden”, dachte ich. “Hier befindet sich scheinbar das Altersheim und der

Friedhof direkt vor der Tür.” Als ich auf dem Rückweg an einem Kiosk vorbeikam, der den Namen “Zur letzten Hoffnung” trug, war die Sache für mich endgültig gelaufen. Nie und nimmer würde ich hier hinziehen ans Ende der Welt. Enttäuscht rief ich bei der Maklerin an, um den Besichtigungstermin zu stornieren. Aber sie ließ nicht locker: “Schauen sie sich die Wohnung doch wenigstens mal an!“ Widerwillig gab ich nach. Ich trat durch die Tür und kam in einen sonnen- und lichtdurchfluteten Raum. Eine großzügige Fensterfront und Terrasse öffneten den Blick in die Weite.

Fasziniert betrachtete ich die beeindruckende Aussicht, nichts als Himmel und Wald. Natur pur! Und die Stille! Keine Autogeräusche, einfach nichts, nur fröhlich zwitschernde Vögel. Mein Herz wurde weit und jubilierte. Die erste Begegnung mit den freundlichen Vermietern war angenehm und schon auf dem Heimweg entschied ich mich: Auch wenn Füchse und Hasen sich hier gute Nacht sagten, die Wohnung und die Umgebung war bezaubernd. Ich würde hier einziehen.

Inzwischen wohne und arbeite ich hier seit zwei Jahren und bin überglücklich! Auf täglichen

Spaziergängen erkunde ich Rondorf und die Umgebung. Meine Befürchtungen, dass meine

Klienten meinen Umzug nicht mitmachen würden, waren unbegründet. Im Gegenteil, die Praxis läuft hervorragend. Stadtmenschen kommen gerne hierher und genießen es, nach einer Sitzung einen Spaziergang übers Feld oder in den Wald zu machen. Ich habe sehr nette Nachbarn und reizende Vermieter. Ich habe neue Freunde in Rondorf gefunden, unter anderem Paul Link.  Meine Katzen fühlen sich wohl und beobachten auf der Terrasse interessiert die Tauben. Die Westerwaldstraße ist jetzt mein neues zu Hause und gefällt mir von Tag zu Tag mehr. Hier komme ich innerlich zur Ruhe und genieße eine ganz neue Lebensqualität. Ein Glücksfall!

EINER VON UNS: Peter Göckeritz

Er ist ein Urgestein des Kölschen Fastelovend: Immer, wenn am 11.11. um 11:11 Uhr die Willy Ostermann-Gesellschaft stimmungsvoll die neue Session mit tausenden Jecken mitten auf dem Heumarkt offiziell eröffnete, dann war Peter Göckeritz, der langjährige Senatspräsident, oben auf der Bühne mittendrin. Seit 20 Jahren war das so. Doch jetzt fällt das traditionelle Narrentreiben erstmals seit 50 Jahren aus. Wegen Corona. Und der Schunkelprofi aus Hochkirchen rät: „Bleiben Sie am besten zuhause. Ladet die Familie ein und summt vor dem Fernseher die alten und neuen Karnevalsschlager mit!“ 

Jedes Jahr im Winter geht es wieder los …. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Seit 1969 hat es sich die traditionsreiche Willy-Ostermann-Gesellschaft zur ehrenvollen Aufgabe gemacht, am 11. November pünktlich um 11:11 Uhr den Start in die fünfte Jahreszeit mitten in der Altstadt zu organisieren. Live im Fernsehen feierte hier das neue, aber erst designierte Kölner Dreigestirn, flankiert vom Stadtoberhaupt und dem Festkomitee Kölner Karneval, stets seinen ersten großen Auftritt. „Wenn man dann da oben auf der Bühne steht, sieht die bunte Menge und zählt von 10, 9, 8 runter bis zum Startschuss, dann ist das ein Gefühl, das man gar nicht beschreiben kann“, erzählt Peter Göckeritz von seinen glücklichsten Momenten. 

Letztes Jahr strömten 25.000 Jecke zu den Ostermännern, die ersten standen schon um sieben Uhr vor der großen Bühne. Dann kamen immer mehr, bis der beliebte Heumarkt am Vormittag wegen Überfüllung geschlossen werden musste. Acht Stunden lang sorgten nahezu alle musikalischen Größen der Stadt, mehr als 40 Künstler und Bands, für jecke Töne in voller Lautstärke. Alaaf, Schunkeln, Singen, Bützchen: Niemand kennt diese einmalige Stimmung besser als Peter Göckeritz. Denn mehrere Jahre war er als Geschäftsführer und bis dieses Jahr auch als Senatspräsident der Willy-Ostermann-Gesellschaft mitverantwortlich für diesen ersten großen Sessionshöhepunkt. 

Und wie traurig schaut er diesmal diesem Tag entgegen, da Corona die Veranstalter dazu zwingt, den Feierfreudigen zuzurufen: „Wer Karneval liebt, sollte in diesem Jahr am 11 im 11 zu Hause bleiben!“ Der Hochkirchener ist Realist. Feiern bei steigenden Corona-Fallzahlen? Das geht aus seiner Sicht gar nicht. Deshalb gilt an diesem Tag: Keine Zuschauer, kein Karnevalstourismus. Stattdessen heißt im Corona Jahr 2020 die traurige, aber klare Botschaft: Nach Köln müsst ihr gar nicht erst kommen, da läuft an diesem Tag nix. Dennoch wehrt er aufkommende Frustgefühle deutlich ab: „Ich glaube nicht, dass der Straßenkarneval jetzt stirbt, weil er einmal ausfällt. Das alles ist zwar nicht schön, aber die Welt bricht deswegen nicht zusammen!“ Statt der großen Party in der Innenstadt wird es am 11. November eine TV-Live-Sendung aus der Wagenbauhalle des Festkomitees geben. Der Fastelovend-Profi begrüßt diese Idee: „Das ist meines Erachtens das einzige, was man jetzt machen kann, um überhaupt etwas karnevalistische Luft zu schnuppern. Das muss dann eben für dieses Jahr genügen.“ Und für die Skeptiker schiebt er dann noch nach: „Die Idee, so den Karneval in die gute Stube zu bringen, ist super!“

Eines jedenfalls steht für Peter Göckeritz, Corona hin oder her, fest: Er will sich auch in den kommenden Monaten trotzdem den Spaß an der Freud nicht verderben lassen. Als er 60 Jahre wurde, hängte der gebürtige Thüringer seinen Job als Zentraleinkäufer im Lebensmittelhandel aus freien Stücken an den Nagel; endlich hatte er Zeit für seine närrische Passion. Seit 2006 ist der gelernte Kaufmann nunmehr in der Willy-Ostermann-Gesellschaft aktiv: „Denn für mich ist dieser Künstler, derjenige den ich am meisten mit Karneval und gleichzeitig mit dem Brauchtum verbinde. Er weckt in mir ganz besonders das Gefühl der Kölner Leichtigkeit“.

Immerhin: In fast dreißig Jahren schrieb Ostermann mehr als 100 Titel; viele davon wurden richtige Evergreens, die heute noch auch über die Grenzen Kölns hinaus bekannt sind. Sein „Heimweh nach Köln“ wurde zur “Hymne” der Willi-Ostermann-Gesellschaft. „Das ist auch mein Lieblingslied. Und wenn dies regelmäßig am Ende aller unserer Veranstaltungen gesungen wird, dann haben viele Tränen in den Augen“, bekennt Peter Göckeritz freimütig.

Deswegen engagiert er sich ganz besonders dafür, das Liedgut dieses Heimatdichters, Sängers, Texters und Komponisten auch bei den jungen Karnevalisten wach zu halten. Dies begründet er so: „Sein Optimismus, der gerade durch die kölsche Sproch geprägt wird, hat den Menschen immer wieder Aufschwung gegeben und tut es auch heute noch.“ So entstand die Idee für den „Ostermann Liedpreis“. Er erzählt: „Das war mein Ding, mein größtes Projekt. Wir haben alle weiterführenden Kölner Schulen besucht und versucht, die verantwortliche Lehrerschaft zu begeistern, die alten Evergreens mit neuer Interpretation und eigener Kreativität zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern wieder auf die Bühne zu bringen.“ 84 weiterführende Schulen sowie Karnevalsgruppen beteiligten sich letztes Jahr an der Ausschreibung. Das Projekt wurde ein Erfolg. Selbst der Kölner Rapper Mo-Torres unterstützt es, ebenso wie das Kölner Festkomitee.

Peter Göckeritz kann viel erzählen über die großen und kleinen Geschehnisse rund um das jecke Kölner Volksfest, das er aus nächster Nähe miterlebt hat. Nicht zuletzt auch als Mitglied im Elferrat seiner Gesellschaft. Und was war sein schönstes Erlebnis? „Vielleicht, als ich erstmals am Rosenmontag auf dem Gesellschaftswagen mitfahren durfte.“ Doch dann korrigiert er sich mit einem verschmitztem Lachen: „Noch schöner war es im Elferrat, als mir unerwartet ein echtes Funkemariechen „zum bütze“ hochgereicht wurde.“ Mehr als 200 Orden bewahrt er heute in seinem schmucken Hochkirchener Eigenheim auf, wo er seit 1978 zuhause ist. Und welche Ehrung ist die wichtigste davon? Er zeigt auf den Wohnzimmertisch. Da steht die silbrig glänzende Willy-Ostermann-Statuette, die er als erster bekommen hat in Anerkennung seiner Verdienste um die ehrenwerte Frackgesellschaft mit ihren 220 Mitgliedern. „Der Senat ist das Herzblut der Gesellschaft. Er muss die positiven Impulse schaffen!“, beschreibt er sein weit gestecktes Aufgabenprofil als langjähriger Senatspräsident. 

Doch der Karnevalsaktivist ist niemand, der nur verklärt zurückblickt. Im Gegenteil: Der Fastelovend-Veteran verteidigt vehement die heutige, von manchen arg kritisierte Karnevals-Szene: „Wenn manche sagen, früher war der Karneval schöner, ist das Quatsch. So viel hat sich irgendwie gar nicht verändert. Es liegt viel eher im Auge des Betrachters und Alters, wie ich Karneval wahrnehme und feiere. Alles hat seine Zeit!“ Das ist seine Devise. Oder auch: „Die Gedanken sind frei!“ Was er sich für die Zukunft wünscht? „Unser Karneval lebt vor allem aus dem Leben im Veedel. Das müssen wir pflegen. Und die Schulen, die mitmachen, sind wichtig!“ Aber er hat auch eine große Sorge: „Wenn es immer weniger Kneipen gibt und kaum noch geeignete Veranstaltungssäle für unsere Vereine, dann wird das mit dem Gemeinschaftserlebnis Karneval schwierig!“

Dennoch denkt Peter Göckeritz nicht ans Aufhören: „Ich bleibe in der Willy-Ostermann-Gesellschaft aktiv bis zu meinem Ende“, lautet sein Treuebekenntnis. Und wenn er dennoch mal Abwechslung braucht, dann bleibt ihm ja der Golfsport. Darauf ein dreifaches „Ostermann Alaaf!“. 

Meine Straße: Adlerstraße

So gesehen von „Gassen-Bürgermeister“ Peter Hüsch

Das waren Zeiten, als durch die Rodenkirchener Hauptstraße maximal alle 15 Minuten ein Auto fuhr und der Asphalt dort eher zum Fußballspielen einlud! Peter Hüsch hat es selbst erlebt. Denn in dieser Ecke ist er groß geworden. Ein wenig nostalgisch blickt der „Gassen-Bürgermeister“ aus der Adlerstraße zurück.

Ja, ich kenne das ganze Gebiet rund um die Adlerstraße noch als riesige Feldlandschaft mit großen Getreidefeldern, die uns Kindern in der Erntezeit zum Beispiel dank der vielen Heuballen ideale Spielmöglichkeiten boten. Rondorf hatte damals und noch bis in die 80iger Jahre hinein um die 2.000 Einwohner und gehörte noch zur Gemeinde Rodenkirchen. Ich erinnere mich noch lebhaft an die Debatten, als wir im Januar 1975 durch eine lange umkämpfte „Eingemeindung“ Kölner wurden. 

Unvorstellbar, dass damals durch die Rodenkirchener-Straße maximal alle 15 Minuten mal ein Auto fuhr. Heute sind selbst Parkplätze gerade an dieser Durchgangsstraße rar, und bei dem heutigen Verkehr braucht man mitunter schon ein bisschen Glück, um schnell und unfallfrei auf die andere Straßenseite zu gelangen. Unser einziger Dorffriseur war „in der guten alten Zeit „Caspars Gries“. Bei ihm gingen die Uhren damals noch anders. Nur ein Beispiel: Herr Caspar hatte bei meinem Bruder eines Tages mit dem Haareschneiden begonnen und meinte nach wenigen Minuten, er komme gleich zurück. Nach fast einer halben Stunde stillen Wartens begab sich mein Bruder teils beunruhigt, teils neugierig auf die Suche und fand Herrn Caspar schließlich schlafend in seinem Wohnbereich. Nach einem kurzen Anstoß wurde dann das Haareschneiden erfolgreich fortgesetzt.

Ich selbst pilgerte in meiner Freizeit gern zur Kapellenstraße, wo direkt neben einem Bestatter meine Lieblingskneipe war, die Gaststätte „bei Ludwig“. Dort veranstaltete ich mit einigen Freunden am Wochenende Diskothekenabende als Tanzveranstaltung. Vorbei. Diese und viele andere Stamm- kneipen gibt es heute nicht mehr. Inzwischen hat sich das gesamte Ortsbild völlig verändert. Es gibt auch kein Kino mehr, wo uns als 16-jährige überraschend der Zutritt zum Film „Die zehn Gebote“ verwehrt wurde. 

Ich selbst bin bis 1980 in Rondorf aufgewachsen. Wesseling, Frechen und das Raderthal waren danach zwar auch schön, aber ich wollte unbedingt zurück. Da entstand in den 90er Jahren das Neubaugebiet „Am Römerhof“ in der Umgebung der Adlerstraße. Ende 1993 sind wir dort eingezogen. Diese Entscheidung stellte sich schon nach kurzer Zeit als absolut richtig heraus. Alle zwölf in unserer gemütlichen Gasse befindlichen Doppelhaushälften wurden von netten Nachbarn erworben und vor allem die Familienstruktur war optimal. Überwiegend handelte es sich um Familien mit Kleinkindern. So wuchsen die Kinder gemeinsam in dem als Spielstraße ausgewiesenen Weg auf. Darüber kam man sich als Nachbar natürlich auch schnell nah.

Gerne erinnern wir uns an die infolge der weiteren Bautätigkeit aufgeschütteten von uns so bezeichneten „Matschberge“ gleich hinter den Häusern, wo die Kinder besonders gerne spielten. So hat sich die Nachbarschaft von Anfang an in freundschaftlicher, aber nicht aufdringlicher Weise bis heute weiterhin angenehm entwickelt. In vielem stimmten wir, Zufall oder nicht, mehr oder weniger überein: Zum Beispiel im Hinblick auf die gleiche Umzäunung der Gärten oder die Entscheidung, die Gartengrundstücke am Ende des Weges nicht durch Zäune zu trennen. Dann wurden regelmäßige Gassenfeste organisiert. Im Rahmen dessen wurde mir dann irgendwann der Titel „Bürgermeister unserer Gasse“ verliehen. Und so kümmere ich mich bei Bedarf seitdem um das ein oder andere Alltagsproblem wie Terminabstimmungen oder bis heute die jährliche Koordination für die Wartungstermine mit der Heizungsfirma. Auch wurden so über Jahre jährliche gemeinsame Wasserskitermine in Langenfeld verabredet. Nach erfolgreich durchgestandenen, bisweilen auch durch Stürze abgebrochenen Runden, wurde anschließend gegrillt und ein paar Kölsch getrunken.

Dass dieser Zusammenhalt keine Eintagsfliege war, zeigt auch der Umstand, dass mit weggezogenen Eigentümern teils noch gute freundschaftliche Kontakte bestehen und die mittlerweile erwachsenen Kinder, die ausgezogen sind, dennoch unverändert und trotz teils großer Entfernungen guten Kontakt untereinander halten, und zudem der überwiegende Teil der „Alteigentümer“ noch bis heute hier wohnen. Aber auch mit den „neuen“ Eigentümern besteht ein ausgesprochen gutes nachbarschaft-liches Verhältnis; dabei sind wir auch internationaler geworden und es gibt erfreulicherweise bereits wieder zwei Kleinkinder. Nachdem wir unseren geliebten Hund “Zocker” bereits vor Jahren nach 15 Jahren Familienzugehörigkeit leider einschläfern lassen mussten, gibt es nun auch wieder einen Hund in der Gasse. Die Adlerstraße lebt eigentlich so, wie es im Lied der Bläck Fööss “Unser Stammbaum” beschrieben wird! Das Alter der Bewohner in unserer Gasse bewegt sich so zwischen zwei und 83 Jahren. Nicht nachteilig ist zudem, dass wir bei unserer Altersentwicklung mit Jutta eine engagierte Ärztin in unserer Gasse in unmittelbarer Nähe haben.

Die angenehme Wohnsituation begründet sich neben der guten Nachbarschaft auch mit der ruhigen Lage als verkehrsberuhigte Stichstraße teils mit unmittelbarer Anbindung an den dahinter liegenden schönen großen Park inklusive des nahen Schrebergartens, der vereinzelt auch von Bewohnern unserer Straße genutzt wird. Die Grundstücke sind alle sehr gepflegt, wobei ich persönlich etwas neidisch auf den hier und da äußerst toll gepflegten Rasen bin. 

Mit den Jahren ist auch die Adlerstraße, die ja von der einzigen Ampel in Rondorf/Hochkirchen abgeht, immer weiter gewachsen. Ich denke an den Kindergarten sowie die Grundschule, die auch von unseren Kinder besucht wurde. So haben sich über unsere Gasse hinaus viele gute Kontakte in die gesamte Adlerstraße entwickelt. Möge der Adlerblick darüber wachen, dass dies so bleibt. Ich jedenfalls sehe die Zukunft meiner Lieblingsstraße positiv und mit Optimismus.