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Eine von uns: Carola Steiner

Hochkirchen hat seine heutige Größenordnung zwar erst mit dem Bauboom nach dem Zweiten Weltkrieg entfaltet. Doch schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs hier mehr und mehr dörfliches Leben. Ahnenforscherin Carola Steiner hat herausgefunden, dass die Familie ihres Mannes zu den Gründern gehört.

Ein gemütlicher Tee mit Carola Steiner ist wie eine spannende, unterhaltsame Reise in die Vergangenheit, genauer gesagt, mitten in die frühe Geschichte von Hochkirchen. Und je mehr sie erzählt, desto intensiver drängt sich die Frage auf: Was hat den Kaufmann Adam Peter Steiner vor rund 150 Jahren bewegt, als einer der ersten ausgerechnet hier vor den Toren der damaligen Stadtmauer seine Zelte neu aufzuschlagen? Und wie hat seine Familie, die er  erst auf der Arnoldshöhe, dann, als man mehr Platz brauchte, schliesslich  in Hochkirchen ansiedelte, die weitere Entwicklung des Ortes beeinflusst? „Vielleicht war es die Liebe“, lacht Carola Steiner offen und herzlich, als sie die Frage beantworten will, wie und warum sich der Urgroßvater ihres Mannes entschlossen hatte, aus der beschaulichen Gemeinde Lich-Steinstrass im Kreis Düren hierher an den Südrand Kölns auszuwandern. 

Die Entfernung betrug zwar weniger als 50 Kilometer und war zu Fuß bei strammem Marsch in rund zehn Stunden zu bewältigen. Zu Fuß, denn Fahrradfahren war bis 1894 verboten, andere Verkehrsmittel gab es kaum. So war es für ihn der Aufbruch in eine andere Welt! Vermutlich versprach sich Steiner wie viele andere in der seit Gründung des Deutschen Reiches  aufstrebenden Region Köln ein besseres Leben, höhere Löhne, eine neue berufliche Zukunft. 

In mühevoller Detailarbeit hat die  Mediendesignerin akribisch rekonstruiert, wie der Urahn sich in Hochkirchen zunächst oberhalb der heutigen Autobahn 555 niederließ, auf jenem Fleck, der irgendwann den Namen „Half miel“ – halbe Meile – erhalten hatte; denn von dort war es noch eine halbe Meile bis zur Stadt Köln. Nicht mehr als 20 Einwohner zählte Hochkirchen 1887. Doch als 1929 Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer gegen äußerst massive Widerstände die erste deutsche Autobahn bauen ließ mit seinem visionären Satz: „So werden die Straßen der Zukunft aussehen“, da mussten für diese Schnellstrecke von Köln nach Bonn die Häuser rund um Gut Half Miel weichen; in insgesamt 13 Fällen waren für die spätere „Diplomatenrennstrecke“ der BAB 555 sogar Enteignungen notwendig. Steiners Haus wurde wie die anderen Häuser 1938 abgerissen und machte dem heutigen Kreuz Köln Süd Platz . Die Zwangsumsiedlung wühlte auch die Familie Steiner ziemlich auf. Sie zog an den Zuckerberg und baute dort eine Wäscherei mit Mangelstube auf. Doch der Umzug war für den alten Steiner so einschneidend, dass er darüber schwer erkrankte und nach langjährigem Leiden 1934 in Hochkirchen starb, im Alter von 70 Jahren. Er wurde auf dem Rondorfer Friedhof begraben.

Einer seiner Söhne betrieb die Wäscherei noch bis in die achtziger Jahre am Zuckerberg.

Carola Steiner ist begeisterte Ahnenforscherin – und ist deshalb nicht nur auf Spurensuche zur Geschichte ihrer eigenen Familie, sondern leistet mit ihrem Hobby zugleich einen wichtigen Beitrag zur frühen Entwicklung von Hochkirchen. Und deshalb wissen wir heute, dass die Steiners wohl zu den „Gründungsfamilien“ des heutigen Wohngebietes gezählt werden dürfen. Zwar ließen sich rund um den „Hof Grossrott“ nachweislich schon im Jahre 1367 erste Siedler nieder. Doch die Ortschaft blühte erst ab der zweiten Hälfte des 19.  Jahrhunderts allmählich auf, als sich hier ein Bauer namens Hochkirchen aus Liblar niederließ.

Als Steiner wenig später teils dem Ruf des Herzens, teils dem Puls der Großstadt folgte, gab es hier ganze sechs Häuser. Er selbst gründete dort eine Familie mit zwölf Kindern, wovon nur eines im Kindesalter verstarb. Alle anderen elf Kinder brachte er gesund in das Erwachsenenalter. Dies war für diese Zeit nicht selbstverständlich. Die Kindersterblichkeit war sehr hoch. Die Töchter und Söhne sind später alle im näheren Umfeld geblieben. So fing es an. So sind sie alle hierhergekommen … Einer der Söhne heiratete dann in eine Familie namens Blindert ein, die sogar schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Rondorf ansässig war – und dort wiederum zu den verdienten Gründern des Kirchenchores Cäcilia gehörte. Seitdem ist die vielköpfige Familie Steiner seit Generationen hier zuhause. Länger, als es die meisten anderen wohl von sich behaupten können….. 

Doch wie lebte man damals, im frühen 19. Jahrhundert, im reichlich verlassenen Hochkirchen? „Oh“, berichtet Carola Steiner, „Von wegen die gute alte Zeit. Das Leben war damals sehr einfach und äußerst hart, die meisten versuchten, als Ackerer in der Landarbeit unterzukommen“. Die einzige größere Abwechslung waren Fuhrleute, die hier Rast machten, um auf dem Weg nach Bonn, Koblenz, Mainz sich selbst wie auch ihre Pferde zu stärken. Gerne wäre die Hobbyforscherin noch intensiver in jene Epoche vorgedrungen, „doch leider sind gerade zum Raum Rondorf  nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs viele wertvolle Dokumente wegen der Restaurierungsarbeiten lange Zeit nicht einzusehen“, bedauert die 55jährige. 

Und auch die Kirchenbücher helfen ihr in vielen Fällen nicht richtig weiter. Was aber als wertvolle Besonderheit geblieben ist, sind die Einträge in den Adressbüchern, die in der damaligen Zeit eher die Ausnahme waren. „Offenbar genoss die Familie damals durchaus ein sehr gutes Ansehen“, schlussfolgert sie daraus mit einem schelmischen Lachen.    

Schon mit 12 Jahren hat Carola Steiner sich für die Ahnenforschung begeistert – ein Großonkel hat sie dazu inspiriert, als er ihr damals seinen Stammbaum zeigte. Seitdem hat sie wie in einem großen Puzzle annähernd tausend Ahnen gefunden; die ältesten Funde stammen aus der Zeit von 1550. Einzelne Namen recherchierte sie bis nach Chile und Argentinien. Aber auch heute noch erlebt sie immer wieder Überraschungen. „So haben wir kürzlich durch Zufall einen entfernten Cousin getroffen, von dessen Existenz wir vorher gar nicht wussten“. Doch so manches Rätsel ist für sie auch heute noch ungelöst. So stieß sie vor einigen Jahren bei Besuchen auf dem Rondorfer Friedhof an der Giesdorfer Straße auf die Inschrift eines einfachen Kriegsgrabes: „Bernhard Steiner 1921 – 1945“. Mit nur 23 Jahren ist er in Rondorf gefallen. Und zwar am 5. März 1945, einem wolkenverhangenen Montag, einem der letzten Kriegstage im linksrheinischen Köln. 

Doch wo kam er genauer her? Durch eine ihrer vielen Suchaktionen und Recherchen der verschiedensten Quellen konnte die Ahnenforscherin seine niederschlesische Herkunft bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Seine Eltern gehörten zu den rund acht Millionen Deutschen, die nach Kriegsende aus den ehemaligen Ostgebieten vertrieben wurden. Aber ob und wie Bernhard zu „ihrer“ weit verzweigten Familie Steiner gehört, diese Frage bleibt bis heute ungeklärt. Die Spurensuche geht weiter.

Was ist nun das Besondere an diesem detektivischen Hobby? „Interessant finde ich die Geschichte der Orte wie der politischen Umstände jener Zeit, in der die Vorfahren gelebt haben. Viele Schicksale werden plötzlich lebendig, das ist faszinierend. Vor allem, wenn es mir selbst einmal schlecht geht, kann ich mich mit dieser Arbeit wunderbar ablenken, das ist dann mein Rückzugsgebiet“ sagt die lebensfrohe Frau, die hauptberuflich in den Bereichen PR-Arbeit, Event-Marketing und Produktinformation tätig ist. Aber darüber hinaus hat sie ihre Leidenschaft immer mehr professionalisiert, sogar durch ein Fernstudium der Hilfswissenschaft Ahnenforschung. „Es ist erstaunlich, was an Fakten und Daten überall gesammelt und gespeichert ist“, wundert sie sich selbst immer wieder.

Ihre langjährige Kompetenz bietet Carola Steiner inzwischen auch interessierten Kunden und Auftraggebern an. Denn Ahnenforschung wird offenkundig immer populärer – gerade bei Jüngeren. 

Heute sind weltweit mehr als hundert Millionen Menschen auf der Suche nach Spuren ihrer Vorfahren. Mehr über die eigenen familiären Wurzeln und die Vergangenheit zu wissen, scheint gerade in einer globalen Welt vielen ein Bedürfnis zu sein. Frei nach dem Motto:  Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Zukunft nicht verstehen. Carola Steiner freut sich über diesen Trend: „ Die Fragen hören eigentlich nie auf. Aber mit jeder Antwort wird die Vergangenheit wieder ein kleines Stück leuchtender!“ So bringt sie mit ihren Erkenntnissen auch ein kleines Stück Köln zum Leuchten: Hochkirchen, die stille Siedlung, deren Ursprünge zwischen Großrotter Hof und Forstbotanischem Garten liegen.

 

Ein Gedanke zu „Eine von uns: Carola Steiner

  1. Ich bin immer wieder fasziniert ,was meine Tochter durch Recherchen herausfindet und mir erzählt und zeigt. Mit einer Begeisterung sucht sie nach Namen , Grabstätten und Unterlagen von Verwandten.Ich freue mich immer ,wenn sie wieder was Neues herausgefunden hat . Viel Erfolg wünsche ich Dir weiterhin.

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